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Verzählt

Nehmen wir mal an, ich wäre Uhrenhersteller. Was wäre dann die wichtigste und einzige Aufgabe, die meine Uhren erfüllen müssen (abgesehen von ästhetischen Aspekten)? Richtig, sie sollten die aktuelle Uhrzeit anzeigen. Nehmen wir weiterhin an, dass ich Uhren für Personen herstelle, die auf verlässliche Uhrzeiten angewiesen sind. Und nun stellen wir uns vor, dass ich nur Uhren bauen könnte, die bereits nach einem Tag 10 Minuten falsch gehen.

Was sollte ich dann schleunigst tun?

Richtig, ich sollte aufhören, Uhren herzustellen, und mir stattdessen eine Tätigkeit suchen, in der ich kein Totalversager wäre.

In Ohio hat Premier Election Solutions (ehemals Diebold) nun zugegeben, dass ihre Wahlcomputer nicht die Minimalanforderung an Wahlcomputer erfüllen: Seit 10 Jahren können die bereits mehrfach eingesetzten Geräte nicht zuverlässig zählen. Auf der Homepage von Premier steht übrigens in großer Schrift:

On Election Day, What matters most to you?

Darunter steht, noch größer und zentriert, „RELIABILITY“ (dt. Verlässlichkeit, Glaubwürdigkeit). Premier, setzen, sechs!

Ursprünglich hat man übrigens die Schuld auf die in den Geräten installierten Antivirensoftware(sic!) geschoben. Dazu fällt mir dann gar nichts mehr ein, außer auf XKCD zu verweisen.

0,6%

Tausende Bürger sind mit der immer schärferen Anti-Terror-Gesetzgebung der Bundesregierung unzufrieden und wehren sich gegen einen drohenden Überwachungsstaat. Die Regierung interessiert das alles herzlich wenig. Schließlich ziehen 34.000 Bürger vor das Verfassungsgericht, um die umstrittene Vorratsdatenspeicherung zu stoppen.

Andere Geschichte. 200 „Künstler“, darunter nicht wenige Multi-Millionäre beschweren sich bei der Bundeskanzlerin über Raubkopierer und weinen um entgangene Umsätze. Und gerade mal ein Tag später reagiert diese mit einer Videobotschaft und sagt der Musikindustrie den Künstlern Unterstützung zu.

So viel zum Lobbyismus.

Argumente gibts bei Nerdcore und stern.de.

Vetraulichkeit und Integrität

“Wer die Überprüfung von Daten auf Rechnern potenzieller Terroristen für einen Einbruch in den grundgesetzlich geschützten Wohnraum hält, hat das Wesen des Internets nicht verstanden”, betonte Wolf. Der Nutzer befinde sich weltweit online und verlasse damit bewusst und zielgerichtet die geschützte häusliche Sphäre. “Der Standort des Computers ist dabei völlig unerheblich. Es findet zudem keinerlei Überwachung der Vorgänge in der Wohnung selbst statt”, erläuterte der Innenminister.

Das sagte NRW-Innenminister Ingo Wolf im Oktober 2006 über die sogenannten Online-Durchsuchungen im NRW-Verfassungsschutzgesetz. Wolf ist Mitglied der FDP. Der Partei, die sich Bürgerrechte und Liberalität auf die Fahnen geschrieben hat und Freiheit im Namen trägt.

Gleichzeitig ist die FDP aber auch die Partei von Leuten wie Gerhart Baum (selber einst Bundesinnenminister), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Bundesjustizministerin a.D.) oder Burkhard Hirsch (ehem. NRW-Innenminister). Letztere haben teilweise bereits mehrfach erfolgreich gegen Sicherheitsgesetze Verfassungsbeschwerden eingereicht.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass Gerhart Baum auch zu jenen gehört, die gegen eben diese Online-Durchsuchungen in Karlsruhe Verfassungsbeschwerde einlegten. Und Recht bekamen. Das Gesetz ist in seiner derzeitigen Form verfassungswidrig.

Aber mehr noch. So haben die Verfassungsrichter sogar aus dem Grundgesetz ein neues „Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme“ abgeleitet. Welche Auswirkungen das haben wird, kann man jetzt kaum absehen. Ein Erfolg für die Freiheit ist es allemal. So viel zum Wesen des Internet, Herr Wolf.

Absurd wird es aber, wenn man sich die Reaktion der FDP-Bundestagsfraktion zum gestrigen Urteil ansieht:

„Das Modell Schily-Schäuble, das die Freiheit der Bürger zu schützen vorgibt, indem es die Bürgerfreiheit aufgibt, ist höchstrichterlich beendet worden“, kommentiert FDP-Partei- und Fraktionschef Guido Westerwelle zur Entscheidung der obersten Richter. Das Gericht stoppe die Aushöhlung der Privatsphäre, wie sie unter Rot-Grün mit Otto Schily begann und wie sie unter Schwarz-Rot mit Wolfgang Schäuble fortgesetzt werden soll.

Ja, ist klar. Dumm nur, dass das betreffende Gesetz von einem FDP-Politiker auf den Weg gebracht und mehr als einmal verteidigt wurde. Wieder einmal bestätigt sich die FDP als populistisch-opportunistische Partei.

Zurück zu Wolf und dem Wesen des Internets. Nur weil ich mit dem Computer ins Internet gehe, auf dem auch meine privatesten und intimsten Daten liegen, heißt das nicht, dass ich diese Daten auch im Internet zur Verfügung stelle. Ja, meine Festplatte gehört für mich zum geschützten sog. Kernbereich privater Lebensgestaltung. Und nur weil es (für den Staat) Möglichkeiten geben mag, sich Zugriff auf diese Daten zu verschaffen, heißt das noch viel weniger, dass dieser Zugriff rechtens ist.

Schön, dass das Bundesverfassungsgericht das auch so anerkannt hat.

Einfach nur dreist

Anton Westendorp ist CEO der Nedap-Mutterfirma. Der Firma, deren Wahlcomputern in den Niederlanden vor Kurzem auf Grund von Sicherheitsbedenken die Lizenz entzogen wurde. Und darüber, dass nun tausende Geräte nutzlos wurden, freut er sich sogar:

“Im Grunde müssen wir der Korthals-Altes-Kommission dankbar sein”, erklärte der Chef des Nedap-Verbundes und blickt frohgemut in die Zukunft. “Die Niederlande standen voll mit Wahlmaschinen, aber nun liegt der Markt offen vor uns.”

Soviel zur Kostenersparnis.

Niederlande: Aus für Wahlcomputer

Wahlcomputer sind problematisch und machen die Wahlen schwerer nachvollziehbar. Manche, wie die in Deutschland und den Niederlanden eingesetzten Nedap-Geräte, sollen sogar spielend leicht manipulierbar sein. Sagt u.a. der Chaos Computer Club.

Alles nicht so schlimm sagen Schäubles Jungs. Denn Wahlmanipulation ist ja verboten und deswegen macht das ja keiner. Einleuchtend.

In den Niederlanden, wo die Firma Nedap herkommt, ist man etwas weiter. Dort hat man wegen der Sicherheitsbedenken allen Wahlcomputern erstmal die Zulassung entzogen. Außerdem will man die Zulassungsrichtlinien überarbeiten. 8290 teure Geräte dürfen nicht mehr benutzt werden.

Was war noch einmal das Killerargument für Wahlcomputer? Ach ja: Kostenersparnis.

Lesebefehl

Da ich es nicht ansatzweise so gut hätte sagen können, verweise ich auf René, Udo Vetter, Spreeblick und nochmal Udo Vetter. Unbedingt lesen! Es geht um Pilze, Grundrechenarten, Menschenwürde und nukleare Panikmache.

Sonntagsfrage

Wie Heise berichtet, hat die Tagesschau im Rahmen der „Sonntagsfrage“ auch nach der Akzeptanz der Online-Durchsuchung in der Bevölkerung gefragt. Einmal vor den Festnahmen im Sauerland, einmal danach. Und, oh Wunder, die Zustimmung stieg von 50% auf 58%. Was so eine Wechselhaftigkeit über die Befragten aussagt, überlasse ich dem Leser.

Mir geht es um etwas ganz anderes. Ich bezweifle die Repräsentativität der Umfrage an sich. Bei der Sonntagsfrage werden regelmäßig von infratest dimap 1000 Deutsche angerufen und zu aktuellen Themen befragt. An sich sagt man, dass 1000 Menschen ausreichen, um repräsentativ die gesamte Bevölkerung abzubilden.

Ja. Aber. Nun kennt wohl jeder lästige Werbeanrufe. Sogegenannte Cold Calls. Nicht selten geben diese Anrufer vor, nur eine Umfrage durchzuführen, um einem danach doch irgendeinen Kram andrehen zu wollen. Und auch wenn es sich bei dem Anruf tatsächlich nur um eine Umfrage handelt, bleibt die Frage, ob die Leute, die sich da gerade für „infratest dimap“ ausgeben, nicht doch einfache Datensammler sind, die einfach die gewonnenen Konsumenteninformationen zusammen mit der eigenen Adresse (s. Telefonbuch oder Adressdatenbank) weiter verhökern wollen.

Deshalb lege ich grundsätzlich auf, wenn ich Anrufe von Firmen erhalte, mit denen ich sonst nichts zu tun habe. Schade für seriöse Institute wie infratest dimap.

So und jetzt darf jeder dreimal raten, wie groß die Schnittmenge zwischen den datenschutzbewussten und privatsphärebedürftigen Bürger, die die Online-Durchsuchung strikt ablehnen, und den datenschutzbewussten und privatsphärebedürftigen Bürgern ist, die bei Cold Calls grundsätzlich auflegen.

Und ich glaube keiner Telefonumfrage mehr, bei der nicht auch in den Ergebnissen genannt wird, wie viele Bürger sich der Umfrage durch Auflegen verweigert haben. Ich würde nämlich darauf wetten, dass infratest dimap und Co. auflegende Angerufene einfach unter den Tisch fallen lässt und für jeden Aufleger einen neuen Umfrageteilnehmer anruft.

Ach ja, und zum Abschluss mal wieder ein „Innenminister gone wild“:

Der Bild sagte der sächsische Innenminister Albrecht Buttolo: „Bei der Terror-Bekämpfung darf es keine Tabus geben – das gilt auch für Online-Durchsuchungen. … Der jüngste Fahndungserfolg hat nämlich gezeigt, dass das Problem schnell gelöst werden muss.“

Keine Tabus? Wie wäre es mit Grundgesetz, Artikel 1 bis 146? So als Anfang?

Schäuble! Wegtreten!

Ein Innenminister, der das Grundgesetz als Gefängnis bezeichnet, weil es ihn in der Ausspionierung des Volkes einengt, hat den Sinn seines Berufes nicht verstanden.

Ein Innenminister, dessen Gesetzesentwürfe vom Verfassungsgericht aufgrund mangelnder Verfassungskonformität abgelehnt werden, darf nicht argumentieren, dass das Gesetz trotzdem, nur anders formuliert, ‘durchgebracht’ würde.

Deshalb: Unterschreiben!

(via)

Prävention

Innerorts darf man nicht schneller als 50 km/h fahren. Das ist nämlich verboten, was auch jeder Autofahrer weiß. Und weil so ein Verbot eine präventive Wirkung hat, fährt auch niemand innerorts schneller als 50 km/h. Ist doch klar, oder?

Und deswegen können die paranoiden Spinner vom CCC auch bitte aufhören, weiterhin gegen Wahlcomputer zu wettern. Na und, dann sind die Geräte halt unsicher, lassen sich leicht manipulieren und werden nicht ordnungsgemäß beaufsichtigt. Und meine Güte, dann kann man halt mit einem Navi aus der Ferne feststellen, was der Nachbar in der Kabine gerade wählt. Kann ja alles sein. Na und?

Immerhin haben Schäubles Jungs erkannt, warum das alles kein Problem ist:

Zudem sei die Fälschung einer Wahl “strafbewehrt, was gegenüber Manipulationen einer Wahl präventiv wirkt”.

Darüber darf man nicht diskutieren…

Eigentlich wollte ich schon eher darüber berichten:

Ja, das ist unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel, gewählt vom deutschen Volk.

Ich weiß nicht, was ich dazu schreiben soll. Es erschüttert mich, so etwas von unserer Regierungschefin zu hören. Der vielleicht mächtigsten Person dieses Landes. Es erschreckt mich, dass Überwachung nicht mal mehr unter dem Deckmantel des gefährlichen Terrorismus oder der abscheulichen Kinderpornographie gefordert wird, sondern als Argumente weggeworfener Müll und Falschparken reichen.

Und ich kann nicht glauben, dass solche Äußerungen auch noch mit Applaus kommentiert werden. Dieses Land macht mir Angst.

Man darf nicht sagen, „Ach, das ist doch nicht so schlimm.“ Hier ein bisschen was weggescmissen und dort einen angerempelt. Hier mal auf dem Bürgersteig gefahren und dort mal in der dritten Reihe geparkt.

Immer so unter dem Motto: „Ist alles nicht schlimm.“ Ist alles nicht nach dem Gesetz und wer einmal Gesetzesübertretungen duldet, der kann anschließend nicht mehr begründen, warum es irgendwann schlimm wird und irgendwann nicht so schlimm ist. Deshalb: Null Toleranz bei innerer Sicherheit, meine Damen und Herren.

Applaus.

Ernsthaft, ich weiß nicht, was ich dazu schreiben soll. Nichtmal, wo ich anfangen sollte. Ich kann nur fassungslos den Kopf schütteln.

Mehr dazu hier, hier, hier und hier. Und der Film, aus dem die Szene stammt.