Es ist gekommen, wie ich befürchtet hatte. Etwas, was ich wohl kaum für möglich gehalten hatte, ist passiert.
Seitdem ich fernsehe, unterscheide ich streng zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern. Die einen sind die Guten. Im Bereich Information und Politik ungeschlagen. Neutral, sachlich, aufdeckend, unbestechlich. Wenn irgendwo ein Journalist sitzt, der Journalist geworden ist, weil er die Welt verbessern will, dann würde ich ihn dort am ehesten vermuten.
Die anderen sind die Bösen. Dort zählt alleine die Quote. Da darf man dann auch gerne mal etwas käuflich sein oder reißerisch und einseitig berichten. Werbekunden zahlen schließlich nicht für journalistische Grundsätze.
Diese Haltung hat sich seit heute geändert.
Wie bereits angekündigt, hat RTL2 hat heute in der Sendung Welt der Wunder einen Beitrag über Computerspiele und Gewalttätigkeit gebracht (Video des Beitrags bei Youtube: Teil 1, Teil 2). Das Ergebnis ist erschreckend. Erschreckend positiv.
Der Beitrag ist sicherlich in seiner Tendenz Pro-Computerspiele. Gar keine Frage. Könnte mir als Ego-Shooter-Spieler also gerade recht sein. Das ist aber gar nicht der Punkt. Jeder Autor, jeder Redakteur und jede Redaktion hat immer eine Meinung. Und die wird immer in Texte oder Beiträge einfließen. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass es absolut neutralen Journalismus gibt. Guter Journalismus zeichnet sich meiner Meinung nach dadurch aus, dass er Fakten und Meinungen präsentiert und dem Empfänger die Möglichkeit lässt, seine eigene Meinung zu bilden.
Und ja, auch den RTL2-Beitrag kann man kritisieren. So wird z.B. die für mich wichtige Fragestellung der Faszination der Gewaltdarstellung nicht wirklich thematisiert. Es heißt im Beitrag, es käme darauf im Spiel nicht an. Ein Spieler behauptet, man könne genausogut „Wattebällchen gegen Wattebällchen“ oder mit „Wasserspritzpistolen“ spielen. Könnte man? Warum gibt es dann so viele Spiele mit expliziter Gewaltdarstellung? Mit scharfen Waffen, Blut und Tötunghandlungen? Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass diese Elemente durchaus eine Faszination ausüben. Spieler, die ernsthaft behaupten, das spiele keine Rolle, halte ich für verlogen. Womit ich nicht sagen will, dass diese Gewaltdarstellung aggressiver oder gewalttätiger macht.
Aber dies ist eine allgemeinere Frage, die nicht auf Computerspiele alleine zutrifft. Sie gilt genauso für Filme und Literatur. Auch dort übt Gewalt und explizite Gewaltdarstellung eine Faszination aus. Und auch Kinder spielen mit Spielzeug- oder Wasserpistolen, die echten Waffen nachempfunden sind. Die Frage müsste man also vielleicht in einem wesentlich größeren Kontext thematisieren.
Aber während man bei Panorama in der ARD einem zweifelhaften „Internet-Experten“, LKA-Beamten und Law-and-Order-Politikern nachplappert, zeigt Welt der Wunder seriöse Wissenschaftler. Zwei Psychologen, die sich intensiv mit Spielern, Computerspielen und ihrer Wirkung befasst haben. Und einen Medienökonom, der selber Ego-Shooter gespielt und die Verbreitung dieser untersucht hat.
Bei Panorama betreibt man billige und reißerische Effekthascherei durch das Hintereinanderreihen möglichst brutaler Spielszenen. Welt der Wunder zeigt Hintergründe über bisherige Amokläufe in Deutschland und den USA. Panorama bringt Meinungsmache, Diffamierungen und gar dreiste Lügen. Bei Welt der Wunder appelliert man an Eltern, sich kritisch mit dem, was ihre Kinder dort spielen, auseinanderzusetzen.
Die ARD, der öffentlich-rechtliche Fernsehsender, macht einen Beitrag, der nur als indiskutabel schlecht gelten kann. RTL2 bringt einen Beitrag, der meiner Meinung nach wirklich gut ist. Mindestens aber ist er sauber recherchiert und verletzt keine journalistischen Grundsätze. Und auch die nachfolgenden Beiträge über die zunehmende Überwachung in Deutschland waren überraschend gut und kritisch. Respekt!
RTL2. Das ist der Sender, der im Spektrum der Privatsender bei mir ganz unten steht. RTL2 ist Big Brother, ist Unterschichtenfernsehen.
Die ARD, Panorama, RTL2 und Welt der Wunder haben es vorletzte Woche und gestern geschafft, mich ernsthaft zu überraschen. Mal äußerst negativ, mal äußerst positiv. Vielleicht wird es Zeit, ein paar gewohnte Ansichten langsam zu überdenken.
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