Archiv für die Kategorie 'Killerspiele'

Kein Kommentar

Financial Times Deutschland:

Doch in Amerika sieht man das etwas anders. Der Amoklauf von Blacksburg sei vielmehr der Beweis dafür, dass die USA liberalere Waffengesetze brauchten, sagten Vertreter der Waffenlobby. “Alle Schießereien in Schulen, die in den vergangenen zehn Jahren vorzeitig beendet wurden, wurden beendet, weil ein gesetzestreuer Bürger eine Waffe dabei hatte”, sagte Larry Pratt, Chef der Vereinigung “Gun Owners of America. “Der Amoklauf an der Virginia Tech ist der Beweis dafür, dass waffenfreie Zonen sofort abgeschafft gehören.” Bewaffnete Studenten hätten den Amokläufer stoppen können.

Nachtrag und damit doch ein Kommentar: Bei Destructoid liest man etwas Interessantes über  den ultrakonservativen Computerspielehasser Jack Thompson, der schon die Ursache für diesen Amoklauf gefunden hat während andere noch nicht mal wissen, was genau passiert ist.

Ein Paradebeispiel. Vor der offensichtlichsten Sache verschließt man die Augen, aber bevor auch nur einer überhaupt etwas weiß, ist schon ein Sündenbock gefunden.

Oops, they did it again

Nein, nicht Frau Spears. Die Panorama-Redaktion. Diesmal geht es nicht um Killerspiele an sich, sondern um Computerspielesucht. Aber so richtig ist man an einer Trennung dieser beiden Themen offensichtlich gar nicht interessiert. Den Beitrag „Spiel ohne Grenzen - wenn Computersucht die Kindheit zerstört“ hat agitpop schon auseinander genommen. Wer viel Zeit hat, kann dort eine lange und treffende Analyse lesen. Der TV-Beitrag enthält wieder massiv Suggestionen, Behauptungen und Manipulationen. Aber darauf will ich hier gar nicht so genau eingehen, sonst wird mein Beitrag auch so lang.

Während eine Diskussion um ein Killerspielverbot in meinen Augen total schwachsinnig ist, halte ich das Thema Computerspielesucht durchaus für ein sehr ernstes Thema. Man muss kein Medienexperte sein, um zu erkennen, dass Computerspiele ein weit höheres Suchtpotential als Leitungswasser haben.

Ja, da draußen gibt es Jugendliche wie Erwachsene, die süchtig nach Computerspielen sind. Genau wie Alkoholiker, Drogensüchtige[1] oder Glücksspielsüchtige, sind es Menschen, die in einer anderen Realität leben und ihr richtiges Leben nur noch kaum oder gar nicht mehr bewältigen können. Menschen, die ihre engsten Mitmenschen mies behandeln und doch neben professioneller Hilfe genau diese Menschen brauchen, um aus ihrer Sucht zu entkommen.

Aber Panorama geht es gar nicht um Computerspielesucht. Es geht in dem Beitrag einzig und alleine darum, das Feindbild Computerspiele in einem möglichst quotenbringenden Reißer-Beitrag schlecht darstehen zu lassen.

Diese These lässt sich an meheren Stellen des Beitrags festmachen und beginnt bereits bei der Anmoderation, die online leider nicht zur Verfügung steht. agitpop:

Die Moderatorin erinnerte an den letzten Bericht über Killerspiele und betonte dann, dass man danach tausende E-Mails erhalten habe. Aber nicht von schockierten Eltern, die erst jetzt erfahren was ihre Kinder so spielen, sondern von Leuten die sich über den Bericht erregt haben. So groß, so die Anmoderation, sei die Angst einiger Spieler, dass man ihnen ihre Spiele wegnehmen könnte.

Nun. Für mich sind Leserbriefe und Zuschauerresonanz ein integraler Bestandteil des Journalismus. Denn er gibt dem Empfänger die Möglichkeit auf die Aussagen des Journalisten einzugehen (wie sich das auch immer äußert). Wenn man allerdings mit tausenden Beschwerde-E-Mails als Resonanz ein Zigfaches dessen erhält, was sonst überhaupt an Reaktionen auf einen Beitrag zu erwarten ist[2], dann würde ich mir Gedanken machen, was diese Kritik bedeuten kann.

Bei Panorama macht man es sich sehr einfach. Die Kritik wird nicht nur nicht ernst genommen, nein, sie wird sogar noch in’s Lächerliche gezogen. Richtig dreist ist es aber, diese Formulierung in einer Anmoderation über Computerspielsucht zu verwenden. So hat man dann seine Kritiker direkt in das Lager der Süchtigen geschoben. Klar, dass man die nicht ernst nehmen kann.

Angenommen in einem Bericht über das Flatratesaufen wird ein generelles Alkoholverbot gefordert. Das ärgert viele Zuschauer, vom Kegelclubmitglied bis zum Weingenießer. Und in der nächsten Sendung über Alkoholismus erzählt man von diesen mit dem Satz: „So groß ist die Angst dieser Trinker, dass man ihnen ihren Alkohol wegnimmt.“

Bravo, Panorama! Ich habe nicht damit gerechnet, dass man auf die überwältigende Kritik ernsthaft eingeht. Dass man allerdings so weit geht, sie noch für seinen Kreuzzug gegen Computerspiele zu verwenden, erstaunt mich doch sehr.

Wichtig aber ist die Bemerkung, dass man eigentlich lieber Briefe schockierter Eltern erhalten hätte, denen der tapfere Ritter Panorama in seiner aufklärerischen Mission enthüllt hat, welche abartigen Spiele ihre Kinder so spielen. Aber darauf komme ich zurück.

Im Beitrag selber sieht man dann hauptsächlich Szenen aus zwei Familien mit angeblich spielsüchtigen Söhnen. In der Tat sind die Bilder erschreckend.

Die Kinder sitzen ausnahmslos[3] am Computer, spielen sogar während des Interviews. Schlimmer aber ist das Verhältnis zwischen den Söhnen und Müttern. Die Söhne: Widerworte, Beschimpfungen, Anschreien. Keine schönen Bilder. Für mich aber wirklich erschreckend sind die Reaktionen der Mütter. Sie erscheinen wie eine Farcé, ohne Autorität, hilflos, überfordert und unfähig, mit ihren Kindern umzugehen. Die eine Mutter droht den Internet-Router abzustellen, was allerdings offensichtlich nichts mehr als eine leere Drohung zu sein scheint.

Klar kann es sein, dass wie berichtet die Spielsucht die Kinder verändert hat und den Eltern jeden Weg geraubt hat, ihre Kinder noch zu erziehen. Ich bin kein Pädagoge oder Psychologe. Und nach einem Fernsehbeitrag (und der Fragwürdigkeit, wie alltäglich solche Szenen ohne Kamera im Hintergrund sind) könnte ich wohl selbst als Experte die Situation nicht beurteilen.

Trotzdem wirkt es im Beitrag auf mich eher so, als hätten diese Mütter ganz generelle Probleme bei der Erziehung ihrer Kinder, nicht erst seitdem diese die Computerspiele für sich entdeckt haben. So, als wäre dort schon früh vieles ganz gewaltig schief gelaufen. Und nun ist den Kindern alles egal. Und weil sie die Welt da draußen in ihrer Null-Bock-Haltung nur stresst, flüchten sie in die Parallelwelten der Computerspiele. Dann wären die Spiele ein Ausdruck des Problems, aber nicht das Problem selber.

So oder so ist klar, dass die entsprechenden Familien dringend professionelle Hilfe brauchen. Das Letzte, was da hilft, ist eine derartig reißerische Bloßstellung von Kindern und Eltern im Fernsehen.

Auffälligerweise ist die Berichterstattung völlig auf die hilflosen Eltern fixiert. Ohne Zweifel ist die Situation für sie schwer. Aber die tatsächlichen Opfer sind die spielsüchtigen Kinder. Komischerweise werden diese wie reine Arschlochkinder dargestellt. Ginge es Panorama wirklich um die Spielesucht, hätte man z.B. thematisiert, wie man eine solche Sucht erkennt, wer im Falle einer Spielsucht der passende Ansprechpartner ist und wie betroffenen Familien geholfen werden kann. Die Lösung wird nur hinten herum suggeriert: Ein Verbot muss her. Ich frage mich, ob man bei Panorama schon mal den Begriff „Prohibition“ gehört hat.

Aber hiermit schließt sich auch der Kreis zu den oben erwähnten empörten Eltern. Denn es zeigt sehr schön, an welche Zielgruppe sich die Beiträge richten. Zuschauer ab 35 mit Kindern in jugendlichem Alter und relativ wenig Ahnung von modernen Medien (wie z.B. Computerspielen). Man will genau diese Menschen schockieren. Und wie könnte man das besser erreichen, als sie mit ihren Ängsten zu konfrontieren. Ängste, z.B. die eigenen Kinder an eine Sucht zu verlieren und nicht mehr in der Lage zu sein, den Nachwuchs zu erziehen. Ich weiß nicht, ob man sowas zielgruppengerechtes Fernsehen im öffentlich-rechtlichen Sinne nennt.

agitpop schließt seinen Beitrag mit den Worten:

Sorry, Panorama: Das hätte ein wirklich guter Bericht über ein neuartiges Zivilisationsproblem werden können (also, die spezielle Form der Sucht… nicht Sucht an sich, das ist ein gesellschaftliches Problem mit dem wir seit Jahrtausenden zu kämpfen haben), der vor Gefahren warnt und Auswege zeigt. Stattdessen war es wieder mal eine Lehrstunde darin, wie man gegen ein Feindbild vorgeht, alte Vorurteile bedient (die Angst vor einer lethargischen, ungehörigen Jugend ist seit Platos Zeiten ein Dauerbrenner), einer großen Zuschauergruppe gezielt und gewollt (siehe Anmoderation) vor den Kopf stößt und am Ende niemand klüger ist als vorher. Weil der eingesprungene Alarmismus wichtiger war als eine ernsthafte Reportage.

Nachdem Panorama gezeigt hat, wie man dort mit Kritik umgeht und wie dreist man dort wiederholt über ein Thema berichtet, ist diese Sendung entgültig für mich gestorben. Und sie reißt bei mir das Ansehen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit herunter. Panorama, Monitor und Co. sind die Formate, die immer wieder als Rechtfertigung für Rundfunkgebühren angeführt werden. Pff.

Bei Kritiken zu diesen Panorama-Beiträgen liest man oft die Frage, ob andere Beiträge zu Themen, bei denen man sich nicht so auskennt, auch derart schlecht und wertend produziert werden. Ich habe mir diese Frage beantwortet. Panorama ist für mich BILD-Zeitung in Fernsehversion.

Anmerkungen:

[1] Ja, Alkohol ist auch eine Droge. Spricht man von Alkohol- oder Drogensüchtigen wird das jedoch in der Regel getrennt erfasst.

[2] Selbiges kann man ganz leicht an der Anzahl der Beiträge im Panorama-Forum verifizieren, wo die Killerspielbeiträge das 13- bis 460-fache an Antwortbeiträgen ausgelöst haben.

[3] Gut, ein Junge wird einmal gezeigt, wie er angeblich seinem kleinen Bruder einen Bienenstich wegfuttert. Mehr brauche ich dazu nicht sagen, oder?

Populistisches Patentrezept: Verbieten und filtern

Und damit schließt sich dann der Kreis. Ich hab’s ja gesagt. Bert Weingarten reibt sich sicher schon die Hände.

Wer kann mir einen, aber auch nur einen einzigen, wirklich sinnvollen und für mich plausiblen Grund nennen, warum niemand eine Verschärfung der Waffengesetze (insb. bezüglich der Freizügigkeit, mit der Schützenvereine Waffen „ausleihen“) fordert?

Respekt, RTL2!

Es ist gekommen, wie ich befürchtet hatte. Etwas, was ich wohl kaum für möglich gehalten hatte, ist passiert.

Seitdem ich fernsehe, unterscheide ich streng zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern. Die einen sind die Guten. Im Bereich Information und Politik ungeschlagen. Neutral, sachlich, aufdeckend, unbestechlich. Wenn irgendwo ein Journalist sitzt, der Journalist geworden ist, weil er die Welt verbessern will, dann würde ich ihn dort am ehesten vermuten.

Die anderen sind die Bösen. Dort zählt alleine die Quote. Da darf man dann auch gerne mal etwas käuflich sein oder reißerisch und einseitig berichten. Werbekunden zahlen schließlich nicht für journalistische Grundsätze.

Diese Haltung hat sich seit heute geändert.

Wie bereits angekündigt, hat RTL2 hat heute in der Sendung Welt der Wunder einen Beitrag über Computerspiele und Gewalttätigkeit gebracht (Video des Beitrags bei Youtube: Teil 1, Teil 2). Das Ergebnis ist erschreckend. Erschreckend positiv.

Der Beitrag ist sicherlich in seiner Tendenz Pro-Computerspiele. Gar keine Frage. Könnte mir als Ego-Shooter-Spieler also gerade recht sein. Das ist aber gar nicht der Punkt. Jeder Autor, jeder Redakteur und jede Redaktion hat immer eine Meinung. Und die wird immer in Texte oder Beiträge einfließen. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass es absolut neutralen Journalismus gibt. Guter Journalismus zeichnet sich meiner Meinung nach dadurch aus, dass er Fakten und Meinungen präsentiert und dem Empfänger die Möglichkeit lässt, seine eigene Meinung zu bilden.

Und ja, auch den RTL2-Beitrag kann man kritisieren. So wird z.B. die für mich wichtige Fragestellung der Faszination der Gewaltdarstellung nicht wirklich thematisiert. Es heißt im Beitrag, es käme darauf im Spiel nicht an. Ein Spieler behauptet, man könne genausogut „Wattebällchen gegen Wattebällchen“ oder mit „Wasserspritzpistolen“ spielen. Könnte man? Warum gibt es dann so viele Spiele mit expliziter Gewaltdarstellung? Mit scharfen Waffen, Blut und Tötunghandlungen? Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass diese Elemente durchaus eine Faszination ausüben. Spieler, die ernsthaft behaupten, das spiele keine Rolle, halte ich für verlogen. Womit ich nicht sagen will, dass diese Gewaltdarstellung aggressiver oder gewalttätiger macht.

Aber dies ist eine allgemeinere Frage, die nicht auf Computerspiele alleine zutrifft. Sie gilt genauso für Filme und Literatur. Auch dort übt Gewalt und explizite Gewaltdarstellung eine Faszination aus. Und auch Kinder spielen mit Spielzeug- oder Wasserpistolen, die echten Waffen nachempfunden sind. Die Frage müsste man also vielleicht in einem wesentlich größeren Kontext thematisieren.

Aber während man bei Panorama in der ARD einem zweifelhaften „Internet-Experten“, LKA-Beamten und Law-and-Order-Politikern nachplappert, zeigt Welt der Wunder seriöse Wissenschaftler. Zwei Psychologen, die sich intensiv mit Spielern, Computerspielen und ihrer Wirkung befasst haben. Und einen Medienökonom, der selber Ego-Shooter gespielt und die Verbreitung dieser untersucht hat.

Bei Panorama betreibt man billige und reißerische Effekthascherei durch das Hintereinanderreihen möglichst brutaler Spielszenen. Welt der Wunder zeigt Hintergründe über bisherige Amokläufe in Deutschland und den USA. Panorama bringt Meinungsmache, Diffamierungen und gar dreiste Lügen. Bei Welt der Wunder appelliert man an Eltern, sich kritisch mit dem, was ihre Kinder dort spielen, auseinanderzusetzen.

Die ARD, der öffentlich-rechtliche Fernsehsender, macht einen Beitrag, der nur als indiskutabel schlecht gelten kann. RTL2 bringt einen Beitrag, der meiner Meinung nach wirklich gut ist. Mindestens aber ist er sauber recherchiert und verletzt keine journalistischen Grundsätze. Und auch die nachfolgenden Beiträge über die zunehmende Überwachung in Deutschland waren überraschend gut und kritisch. Respekt!

RTL2. Das ist der Sender, der im Spektrum der Privatsender bei mir ganz unten steht. RTL2 ist Big Brother, ist Unterschichtenfernsehen.

Die ARD, Panorama, RTL2 und Welt der Wunder haben es vorletzte Woche und gestern geschafft, mich ernsthaft zu überraschen. Mal äußerst negativ, mal äußerst positiv. Vielleicht wird es Zeit, ein paar gewohnte Ansichten langsam zu überdenken.

TV-Hinweis: RTL2 „Welt der Wunder“, 4.3.2007 19:00 Uhr

In meiner Beschwerde an den NDR habe ich geschrieben:

Vielmehr ist der Beitrag wertend-reißerisch und zeugt von undifferenzierten, falschen und geradezu verleumderischen Informationen. Selbst auf Privatsendern wie RTL 2 habe ich selten solch erschreckende Beiträge gesehen.

Tja, irony’s a bitch. Ausgerechnet RTL2 zeigt morgen abend um 19:00 Uhr in „Welt der Wunder“ eine Sendung, die sich mit dem Thema Ego-Shooter beschäftigt „Welt der Wunder“, eine Sendung, die ich mit Formaten wie Galileo auf eine Stufe stelle.

Jedoch lässt die Ankündigung bei RTL2 zumindest hoffen:

Wenn Jugendliche ausrasten und plötzlich auch in der realen Welt versuchen wahllos um sich zu schießen, dann stehen die „Killer-Spiele“ im Zentrum der Diskussion. Viele Medienexperten und vor allem Politiker sind der Auffassung, dass stundenlanges Ballern am Computer Jugendliche zu solchen Gewalttaten überhaupt erst befähigt. Aber ist das zwangsläufig so? Immerhin verbringen Hunderttausende ihrer Wochenende mit Counterstrike & Co. ohne jemals auszurasten. Welt der Wunder versucht ohne klischeehafte Emotionen der Wirkung von Computerspielen auf den Menschen mit wissenschaftlichen Methoden beizukommen.

Das heißt natürlich nichts und ist kein Grund, gleich euphorisch zu werden. Aber allemal interessant zu sehen, wie die reißerischen Privatsender so ein Thema angehen. Wenn sie es schaffen, halbwegs ausgewogen und neutral über das Thema zu berichten, dann hat „Welt der Wunder“ bei mir ein Stein im Brett.

Panorama rechtfertigt sich weiter

Und schon wieder Panorama. Dort hat man anscheinend die eigene Rechtfertigung für den umstrittenen Killerspiele-Beitrag überarbeitet. Inhaltlich hat sich nicht viel geändert. Man gesteht sich weiterhin nicht den geringsten Fehler ein.

So wie hier:

9. In Bezug auf GTA - San Andreas haben wir im Text deutlich darauf hingewiesen, dass die offizielle Handelsvariante diese Szenen nicht enthält, sondern, dass die gezeigte Spielvariante nur illegal über das Internet mit Sex-Szenen erweitert werden kann, z.B. über P2P Netze. Wir haben einen “zurückhaltenden Ausschnitt” aus dieser Variante gezeigt. Dort ist es aber möglich, die Frau komplett zu entkleiden, die Kameraperspektive beliebig zu verändern und die Frau bei den sexuellen Handlungen herumzukommandieren. Auf einer “Befriedigungsskala” des Spielers wird dann angezeigt, wann die Sex-Szene beendet ist. Insgesamt denken wir, dass man derartige Spielmöglichkeiten durchaus als extrem frauenfeindlich und möglicherweise auch als Vergewaltigung werten könnte.

Soso, möglicherweise könne man diese Sexszenen als Vergewaltigung werten? Die Wikipedia sagt über Vergewaltigungen:

Von Vergewaltigung (synonym: Stuprum, veraltet: Notzucht) spricht man, wenn eine Person eine andere gegen ihren Willen unter Anwendung von Gewalt, durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder unter Ausnutzung einer Lage, in welcher das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist, zum Vollzug des Beischlafs (vaginale, orale oder anale Penetration) nötigt […].

Ich finde es etwas weit hergeholt, bei einer Szene, die einer Einladung der Frau folgt, davon zu sprechen, dieser Geschlechtsverkehr passiere möglicherweise vielleicht u.U. „gegen ihren Willen“. Demnach könnte man so manchen Geschlechtsverkehr, der über Missionarsstellungs-Blümchensex hinausgeht, als Vergewaltigung werten. Anscheinend hat man bei Panorama ein etwas seltsames Verständnis von Vergewaltigungen.

Zu der Frauenfeindlichkeit dieser Szenen kann und will ich nichts sagen. Ich kenne die Modifikation nur aus Onlinevideos. Die damit möglichen Sexszenen sind sicher diskussionswürdig und vielleicht alles andere als in Ordnung. Aber Frauenfeindlichkeit alleine macht noch keine Vergewaltigung, auch wenn man das bei Panorama jetzt so suggerieren möchte.

Auf die schwachsinnige Aussage „Wer hier möglichst viele Frauen vergewaltigt, gewinnt.“ geht man nur zum Teil ein:

Die Formulierung in unserem Kommentar “möglichst viele Frauen vergewaltigen”, mag in diesem Zusammenhang etwas verkürzt gewesen sein.

Die Aussage ist möglicherweise verkürzt? Ach so ist das. Aber sonst ist alles klar?

Schön ist das Schlusswort:

Wie etliche Emails und Anrufe in der Redaktion belegen, ist das Thema der sog. Killerspiele sehr emotional geladen.

Ach. Erst Öl in’s Feuer gießen und dann wundern, wenn man sich die Finger verbrennt.

Panorama: Lästige Nachfragen

Nachdem ich über rue’s headroom auf diesen Kommentar bei golem.de gestoßen bin, habe ich mich dazu entschlossen, mich beim NDR über die Berichterstattung bei Panorama zu beschweren. Die ganze Beschwerde gibt es auf Grund der Länge nicht im regulären Blogbetrieb, sondern hier. Hier meine konkreten Fragen, auf die ich vom NDR gerne Antworten hätte*:

  1. Inwiefern sehen Sie in diesem Beitrag, der das Thema dermaßen wertend und geradezu hetzerisch aufgreift, die ARD-Leitlinien gewahrt?
  2. Inwiefern kann man bei dem Beitrag von differenzierter, vorurteilsfreier und sachkundiger Hintergrundinformation sprechen, wenn man die von mir aufgezeigten Ungereimtheiten (insb. die Vergewaltigungsszene) betrachtet?
  3. Warum werden Szenen aus „Call Of Duty 2“ gezeigt, in denen auf Leichen geschossen wird? Die interviewten Spieler behaupten, diese Szenen seien nicht von ihnen. Woher stammen die gezeigten Szenen?
  4. Wieso werden diese Szenen in Zusammenhang mit einem grinsenden Spieler gezeigt, der behauptet, nur über eine lustige Aussage seiner Mitspieler gelacht zu haben?
  5. Inwiefern sind die Worte „je blutiger, desto besser“ in der o.g. Aussage in Bezug auf „Call Of Duty 2“ zu verstehen?
  6. Warum wird Bert Weingarten von „Pan Amp“ zum Gefährdungspotential von „Call Of Duty 2“ interviewt? Was qualifiziert ihn, eine solche Einschätzung vorzunehmen?
  7. Sehen Sie in dem Umstand, dass die Firma „Pan Amp“ Filterlösungen für „Ego-Shooter“ anbietet, einen Interessenkonflikt bei Herrn Weingarten bei der Beurteilung dieses Themas?
  8. Wieso wurden stattdessen (oder auch zusätzlich) keine Medienpädagogen, Psychologen oder sonstige Experten interviewt, die auf die Gefährlichkeit dieser Spiele hätten eingehen können?
  9. Wieso wurden die Aussagen des Heise-Mitarbeiters nicht gesendet?
  10. Was macht Bert Weingarten zu diesem Thema qualifizierter als den Heise-Redakteur?
  11. Welche Aussagen liegen Ihnen von dem Heise-Mitarbeiter vor?
  12. Wieso wurde die Aussage „Familienväter, Schüler, Nazis“ gewählt? Liegen konkrete Zahlen vor, welchen Anteil rechtsradikale Spieler in „Call Of Duty 2“ ausmachen?
  13. Warum wurde bei sämtlichen Spielen verschwiegen, dass diese in Deutschland keine Jugendfreigabe erhalten haben bzw. sogar indiziert wurden?
  14. Wieso wurde bei der gezeigten Sex-Szene behauptet, es ginge in dem Spiel darum „möglichst viele Frauen zu vergewaltigen“?
  15. Werden Sie in kommenden Sendungen richtigstellen, dass in dem Spiel keine Vergewaltigungen möglich sind?
  16. Wieso wurde die entsprechende Szene mit dem Song „Rape Me“ unterlegt?
  17. Können Sie mir ein Spiel nennen, das es dem Spieler ermöglicht, Vergewaltigungen durchzuführen und das in Deutschland nicht verboten ist?
  18. Wurde Uwe Schünemann gefragt, um welches Spiel es sich bei seinen Ausführungen handelt? Falls nein, wieso nicht? Wäre eine solche Nachfrage für einen Journalisten im Sinne eines „kritischen“ und „investigativen Journalismus“ (s. ARD-Leitlinien) nicht unabdingbar?
  19. Wieso wurde nicht auf zentrale Problemstellungen eines solchen Verbots eingegangen? U.a. auf die Frage, wie ein Verbot (unabhängig vom Sinn) die Verbreitung sog. Killerspiele gerade bei Jugendlichen verhindern soll, wo doch alles, wie sie selber feststellen, (wenn auch illegal) im Internet verfügbar ist.
  20. Sehen Sie in einer Berichterstattung wie dieser eine sinnvolle Verwendung der Rundfunkgebühren?
  21. Sind Sie damit einverstanden, dass ich Ihre Stellungnahme auf meiner Webseite http://www.flokru.org/ veröffentliche?

* Ja, ich weiß, dass es unrealistisch ist, nicht mit Textbaustein und Standardantwort abgespeist zu werden.

Und noch mehr Nachwehen

Kai Pahl schreibt in der blogbar:

Das “Politmagazin” PANORAMA hat am Donnerstag einen unterirdischen Beitrag zum Thema “Computerspiele” gebracht. Nicht nur die Intention des Beitrages ist fragwürdig gewesen. Es tauchen so viele hanebüchene faktische Fehler auf, dass man sich fragen muss, ob PANORAMA, der NDR und die ARD überhaupt irgendeine Form der redaktionellen Qualitätskontrolle besitzen.

[…]

Der PANORAMA-Beitrag ist eine Katastrophe gewesen.

Die Öffentlich-Rechtlichen Anstalten verstehen nicht, dass für Jugendliche/Unter Vierzigjährigen die handwerklichen Fehler solcher Beiträge offensichtlich sind. Die Häufung solch schlechter Beiträge zu einem Thema läßt für eine große Gruppe von Personen die gesamte Glaubwürdigkeit der Informationssparte der Öffentlich-Rechtlichen gegen die Wand fahren. Es sind solche Beiträge die dazu führen, dass in der Wahrnehmung von vielen, “Journalismus” keine Bezeichnung für ein Qualitätsmerkmal mehr ist und die Grenzen zwischen den altherkömmlichen Massenmedien und den Medienformen des Internets verwischen.

Word!

Ich muss ehrlich zugeben, dass der Beruf des Journalisten bei mir in den letzten Jahren tatsächlich einen geradezu inflationären Imageverlust erlitten hat und weiter erleidet. Ganz vorne dabei sind die öffentlich-rechtlichen Anstalten, die ich noch vor wenigen Jahren als Speerspitze des hochwertigen Qualitätsjournalismus angeführt hätte. Haben sich nur meine Ansichten geändert oder die öffentlich-rechtlichen Sender?

Nun denn. Während man bei Frank Plasbergs „hart aber fair“ wenigstens noch zum Eingeständnis eigener Fehler bereit ist, schafft man bei Panorama nur einen kindischen Rechtfertigungsversuch, der nicht einmal auf den gravierendsten Kritikpunkt (die angebliche Vergewaltigungsszene) eingeht.

Ich bin gespannt, wie der NDR oder Panorama weiterhin mit der offensichtlichen und großen Resonanz umgehen werden.

Nachwehen einer journalistischen Glanzleistung

Das hier war ursprünglich als Update zu diesem Beitrag gedacht, erscheint jetzt aber der Übersicht halber als eigener Beitrag. Den eigentlichen TV-Beitrag gibt es übrigens hier.

Das Panorama-Forum enthält bisher 115 Kommentare zu dem umstrittenen indiskutabel schlechten TV-Beitrag, von denen sich alle bis auf einen einzigen Beitrag (der stammt von einer besorgten Mutter, verfehlt aber meiner Meinung nach das Thema völlig) empört über die Berichterstattung zeigen. Anscheinend ist man bei Panorama derart überwältigt, dass trotz alledem viele Kommentare gar nicht veröffentlicht wurden (entsprechende Beschwerden findet man in vielen Foren). Auch ich habe einen sachlichen Kommentar geschrieben, der nie dort erschienen ist.

Natürlich ist damit zu rechnen, dass gerade internetbegabte Spieler im Forum eher zu Wort kommen, als Befürworter eines solchen Verbots. Aber dort nur eine einzige Befürworterin eines „Killerspielverbots“ zu lesen, zeigt vielleicht auch, dass Leuten, die ein solches Verbot befürworten, ein Zugang zu neuen Medien (zu denen Computerspiele gehören) fehlt. Inwiefern es sinnvoll ist, dass solche Leute über derartige Dinge entscheiden, dürfte fraglich sein.

Trotz allem sollte diese gewaltige Reaktion auch einem Befürworter eines solchen Verbots zu denken geben.

Um es nochmal klarzustellen. Die meisten Gegner eines „Killerspielverbots“ halten nichts davon, wenn solche Spiele in Kinder- oder Jugendhände kommen. Gegen einen besseren Jugendschutz wehrt sich ernsthaft niemand. Dann muss man aber auch erstmal anerkennen, dass der deutsche Jugendschutz innerhalb der EU als beispielhaft gilt und in keinem westlichen Land so streng ist wie bei uns.

Und ja, man kann, darf und sollte die Gewaltdarstellungen in Computerspielen kritisch hinterfragen und diskutieren. Auch dagegen wehrt sich niemand, solange das auf einer sachlichen und fairen Ebene passiert. Trotz allem muss man feststellen, dass wir in einer Kultur der Gewalt leben. Gewalt umgibt uns in allen Medien, nicht nur in Spielen. Auch im Fernsehen, im Kino, in der Literatur. Der letzte James-Bond-Film wird als einer der besten Bonds gelobt. Gleichzeitig ist er einer der brutalsten. Diskussionen, ob der Film zu brutal ist, muss man suchen.

Wer die Gewaltdarstellungen in Computerspielen in Frage stellt, muss vielmehr die Gewaltdarstellungen in unserer gesamten Kultur in Frage stellen. Finde ich.

Von den öffentlich-rechtlichen Medien erwarte ich bei Berichten über die Computerspieldebatte zurückhaltende und informative Beiträge, die alle Seiten zum Thema gleichermaßen zu Wort kommen lassen und dem Zuschauer die Meinungsbildung überlassen. Keine verleumderische Propaganda. Genauso steht es übrigens in den Leitlinien der ARD.

In den 115 Kommentaren zum TV-Beitrag findet man Klarstellungen und Hinweise, die wirklich jeden Aspekt des Berichts zumindest relativieren oder fraglich erscheinen lassen. An vielen Stellen kann man ihn nur als schlichtweg falsch und geradezu verleumnderisch bezeichnen.

Wenn man Spieler als „Familienväter, Schüler, Nazis“ aufzählt, dann ist das zwar keine Lüge, da natürlich auch diese drei Gruppen unter Spielern anzutreffen sind. Die demagogische Wirkung solcher Worte sollte jedoch klar sein. Und dass die gezeigten bayrischen Ermittler und Interviewpartner sämtlich im Dunkeln sitzen, dürfte wohl kaum ihrem Arbeitsalltag entsprechen, als vielmehr ein filmisches Mittel sein, um hier eine zusätzliche Kriminalität zu suggerierern.

Unsere Justizministerin, die meiner Meinung nach oft genug ziemlichen Blödsinn veranstaltet, aber in diesem Punkt eine vernünftige und gemäßigte Haltung einnimmt, wird von Panorama geradezu der Lächerlichkeit preisgegeben, weil sie die bisherigen, bereits bestehenden Regelungen für ausreichend hält.

Die im Beitrag gezeigten oder angesprochenen Spiele sind sämtlich ohne Altersfreigabe (das heißt, dass sie nur ab 18 Jahren mit Altersnachweis verkauft werden dürfen). Teilweise sind die Titel sogar von der BPjS indiziert (was den Erwerb solcher Spiele auch für Erwachsene nochmal deutlich erschwert).

Absurd wird es sogar, als Uwe Schünemann als Argument für einen härteren § 131 StGB den Ausschnitt aus einem Spiel beschreibt, dass in Deutschland bereits auf Grund des bisher bestehenden § 131 bereits beschlagnahmt wurde (es geht um eine Folterszene im indizierten und verbotenen Spiel Manhunt). Das ist so doof, dass es fast schon wieder lustig ist.

Der NDR schießt sich selbst in’s Knie

Online-Vote: Sollten die so genannten Killerspiele generell verboten werden? 0,61%: Ja; 99,39% Nein

Ohne weitere Worte.