Archiv für April, 2007Seite 2 von 4



Links vom 17.4.2007

Kein Kommentar

Financial Times Deutschland:

Doch in Amerika sieht man das etwas anders. Der Amoklauf von Blacksburg sei vielmehr der Beweis dafür, dass die USA liberalere Waffengesetze brauchten, sagten Vertreter der Waffenlobby. “Alle Schießereien in Schulen, die in den vergangenen zehn Jahren vorzeitig beendet wurden, wurden beendet, weil ein gesetzestreuer Bürger eine Waffe dabei hatte”, sagte Larry Pratt, Chef der Vereinigung “Gun Owners of America. “Der Amoklauf an der Virginia Tech ist der Beweis dafür, dass waffenfreie Zonen sofort abgeschafft gehören.” Bewaffnete Studenten hätten den Amokläufer stoppen können.

Nachtrag und damit doch ein Kommentar: Bei Destructoid liest man etwas Interessantes über  den ultrakonservativen Computerspielehasser Jack Thompson, der schon die Ursache für diesen Amoklauf gefunden hat während andere noch nicht mal wissen, was genau passiert ist.

Ein Paradebeispiel. Vor der offensichtlichsten Sache verschließt man die Augen, aber bevor auch nur einer überhaupt etwas weiß, ist schon ein Sündenbock gefunden.

Oops, they did it again

Nein, nicht Frau Spears. Die Panorama-Redaktion. Diesmal geht es nicht um Killerspiele an sich, sondern um Computerspielesucht. Aber so richtig ist man an einer Trennung dieser beiden Themen offensichtlich gar nicht interessiert. Den Beitrag „Spiel ohne Grenzen - wenn Computersucht die Kindheit zerstört“ hat agitpop schon auseinander genommen. Wer viel Zeit hat, kann dort eine lange und treffende Analyse lesen. Der TV-Beitrag enthält wieder massiv Suggestionen, Behauptungen und Manipulationen. Aber darauf will ich hier gar nicht so genau eingehen, sonst wird mein Beitrag auch so lang.

Während eine Diskussion um ein Killerspielverbot in meinen Augen total schwachsinnig ist, halte ich das Thema Computerspielesucht durchaus für ein sehr ernstes Thema. Man muss kein Medienexperte sein, um zu erkennen, dass Computerspiele ein weit höheres Suchtpotential als Leitungswasser haben.

Ja, da draußen gibt es Jugendliche wie Erwachsene, die süchtig nach Computerspielen sind. Genau wie Alkoholiker, Drogensüchtige[1] oder Glücksspielsüchtige, sind es Menschen, die in einer anderen Realität leben und ihr richtiges Leben nur noch kaum oder gar nicht mehr bewältigen können. Menschen, die ihre engsten Mitmenschen mies behandeln und doch neben professioneller Hilfe genau diese Menschen brauchen, um aus ihrer Sucht zu entkommen.

Aber Panorama geht es gar nicht um Computerspielesucht. Es geht in dem Beitrag einzig und alleine darum, das Feindbild Computerspiele in einem möglichst quotenbringenden Reißer-Beitrag schlecht darstehen zu lassen.

Diese These lässt sich an meheren Stellen des Beitrags festmachen und beginnt bereits bei der Anmoderation, die online leider nicht zur Verfügung steht. agitpop:

Die Moderatorin erinnerte an den letzten Bericht über Killerspiele und betonte dann, dass man danach tausende E-Mails erhalten habe. Aber nicht von schockierten Eltern, die erst jetzt erfahren was ihre Kinder so spielen, sondern von Leuten die sich über den Bericht erregt haben. So groß, so die Anmoderation, sei die Angst einiger Spieler, dass man ihnen ihre Spiele wegnehmen könnte.

Nun. Für mich sind Leserbriefe und Zuschauerresonanz ein integraler Bestandteil des Journalismus. Denn er gibt dem Empfänger die Möglichkeit auf die Aussagen des Journalisten einzugehen (wie sich das auch immer äußert). Wenn man allerdings mit tausenden Beschwerde-E-Mails als Resonanz ein Zigfaches dessen erhält, was sonst überhaupt an Reaktionen auf einen Beitrag zu erwarten ist[2], dann würde ich mir Gedanken machen, was diese Kritik bedeuten kann.

Bei Panorama macht man es sich sehr einfach. Die Kritik wird nicht nur nicht ernst genommen, nein, sie wird sogar noch in’s Lächerliche gezogen. Richtig dreist ist es aber, diese Formulierung in einer Anmoderation über Computerspielsucht zu verwenden. So hat man dann seine Kritiker direkt in das Lager der Süchtigen geschoben. Klar, dass man die nicht ernst nehmen kann.

Angenommen in einem Bericht über das Flatratesaufen wird ein generelles Alkoholverbot gefordert. Das ärgert viele Zuschauer, vom Kegelclubmitglied bis zum Weingenießer. Und in der nächsten Sendung über Alkoholismus erzählt man von diesen mit dem Satz: „So groß ist die Angst dieser Trinker, dass man ihnen ihren Alkohol wegnimmt.“

Bravo, Panorama! Ich habe nicht damit gerechnet, dass man auf die überwältigende Kritik ernsthaft eingeht. Dass man allerdings so weit geht, sie noch für seinen Kreuzzug gegen Computerspiele zu verwenden, erstaunt mich doch sehr.

Wichtig aber ist die Bemerkung, dass man eigentlich lieber Briefe schockierter Eltern erhalten hätte, denen der tapfere Ritter Panorama in seiner aufklärerischen Mission enthüllt hat, welche abartigen Spiele ihre Kinder so spielen. Aber darauf komme ich zurück.

Im Beitrag selber sieht man dann hauptsächlich Szenen aus zwei Familien mit angeblich spielsüchtigen Söhnen. In der Tat sind die Bilder erschreckend.

Die Kinder sitzen ausnahmslos[3] am Computer, spielen sogar während des Interviews. Schlimmer aber ist das Verhältnis zwischen den Söhnen und Müttern. Die Söhne: Widerworte, Beschimpfungen, Anschreien. Keine schönen Bilder. Für mich aber wirklich erschreckend sind die Reaktionen der Mütter. Sie erscheinen wie eine Farcé, ohne Autorität, hilflos, überfordert und unfähig, mit ihren Kindern umzugehen. Die eine Mutter droht den Internet-Router abzustellen, was allerdings offensichtlich nichts mehr als eine leere Drohung zu sein scheint.

Klar kann es sein, dass wie berichtet die Spielsucht die Kinder verändert hat und den Eltern jeden Weg geraubt hat, ihre Kinder noch zu erziehen. Ich bin kein Pädagoge oder Psychologe. Und nach einem Fernsehbeitrag (und der Fragwürdigkeit, wie alltäglich solche Szenen ohne Kamera im Hintergrund sind) könnte ich wohl selbst als Experte die Situation nicht beurteilen.

Trotzdem wirkt es im Beitrag auf mich eher so, als hätten diese Mütter ganz generelle Probleme bei der Erziehung ihrer Kinder, nicht erst seitdem diese die Computerspiele für sich entdeckt haben. So, als wäre dort schon früh vieles ganz gewaltig schief gelaufen. Und nun ist den Kindern alles egal. Und weil sie die Welt da draußen in ihrer Null-Bock-Haltung nur stresst, flüchten sie in die Parallelwelten der Computerspiele. Dann wären die Spiele ein Ausdruck des Problems, aber nicht das Problem selber.

So oder so ist klar, dass die entsprechenden Familien dringend professionelle Hilfe brauchen. Das Letzte, was da hilft, ist eine derartig reißerische Bloßstellung von Kindern und Eltern im Fernsehen.

Auffälligerweise ist die Berichterstattung völlig auf die hilflosen Eltern fixiert. Ohne Zweifel ist die Situation für sie schwer. Aber die tatsächlichen Opfer sind die spielsüchtigen Kinder. Komischerweise werden diese wie reine Arschlochkinder dargestellt. Ginge es Panorama wirklich um die Spielesucht, hätte man z.B. thematisiert, wie man eine solche Sucht erkennt, wer im Falle einer Spielsucht der passende Ansprechpartner ist und wie betroffenen Familien geholfen werden kann. Die Lösung wird nur hinten herum suggeriert: Ein Verbot muss her. Ich frage mich, ob man bei Panorama schon mal den Begriff „Prohibition“ gehört hat.

Aber hiermit schließt sich auch der Kreis zu den oben erwähnten empörten Eltern. Denn es zeigt sehr schön, an welche Zielgruppe sich die Beiträge richten. Zuschauer ab 35 mit Kindern in jugendlichem Alter und relativ wenig Ahnung von modernen Medien (wie z.B. Computerspielen). Man will genau diese Menschen schockieren. Und wie könnte man das besser erreichen, als sie mit ihren Ängsten zu konfrontieren. Ängste, z.B. die eigenen Kinder an eine Sucht zu verlieren und nicht mehr in der Lage zu sein, den Nachwuchs zu erziehen. Ich weiß nicht, ob man sowas zielgruppengerechtes Fernsehen im öffentlich-rechtlichen Sinne nennt.

agitpop schließt seinen Beitrag mit den Worten:

Sorry, Panorama: Das hätte ein wirklich guter Bericht über ein neuartiges Zivilisationsproblem werden können (also, die spezielle Form der Sucht… nicht Sucht an sich, das ist ein gesellschaftliches Problem mit dem wir seit Jahrtausenden zu kämpfen haben), der vor Gefahren warnt und Auswege zeigt. Stattdessen war es wieder mal eine Lehrstunde darin, wie man gegen ein Feindbild vorgeht, alte Vorurteile bedient (die Angst vor einer lethargischen, ungehörigen Jugend ist seit Platos Zeiten ein Dauerbrenner), einer großen Zuschauergruppe gezielt und gewollt (siehe Anmoderation) vor den Kopf stößt und am Ende niemand klüger ist als vorher. Weil der eingesprungene Alarmismus wichtiger war als eine ernsthafte Reportage.

Nachdem Panorama gezeigt hat, wie man dort mit Kritik umgeht und wie dreist man dort wiederholt über ein Thema berichtet, ist diese Sendung entgültig für mich gestorben. Und sie reißt bei mir das Ansehen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit herunter. Panorama, Monitor und Co. sind die Formate, die immer wieder als Rechtfertigung für Rundfunkgebühren angeführt werden. Pff.

Bei Kritiken zu diesen Panorama-Beiträgen liest man oft die Frage, ob andere Beiträge zu Themen, bei denen man sich nicht so auskennt, auch derart schlecht und wertend produziert werden. Ich habe mir diese Frage beantwortet. Panorama ist für mich BILD-Zeitung in Fernsehversion.

Anmerkungen:

[1] Ja, Alkohol ist auch eine Droge. Spricht man von Alkohol- oder Drogensüchtigen wird das jedoch in der Regel getrennt erfasst.

[2] Selbiges kann man ganz leicht an der Anzahl der Beiträge im Panorama-Forum verifizieren, wo die Killerspielbeiträge das 13- bis 460-fache an Antwortbeiträgen ausgelöst haben.

[3] Gut, ein Junge wird einmal gezeigt, wie er angeblich seinem kleinen Bruder einen Bienenstich wegfuttert. Mehr brauche ich dazu nicht sagen, oder?

Links vom 13.4.2007

Umfrage zum Mediengebrauch von Weblogs

Eine wissenschaftliche Umfrage, die sich mit Blogs und ihrer Bedeutung befasst:

In Zusammenarbeit mit dem Fachgebiet Medienwissenschaft am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität Ilmenau soll im Rahmen einer Diplomarbeit der Mediengebrauch von Weblogs, seiner Relevanz als demokratisches Massenmedium und Citizen Journalism
empirisch untersucht werden.

Den Fragebogen gibt es unter:
http://www.unipark.de/uc/ik_tu_fb_ifmk/a396

Das Blog zur Umfrage gibt es hier. Mitmachen können übrigens auch Leute, die einfach nur Blogleser sind.

(via Jörg-Olaf Schäfers)

Cute

Knut ist doof, stinkt und wird in einem Jahr so fett sein, dass sich keine Sau mehr für ihn interessiert. Und für den Berliner Zoo schon gar nicht.

TV-Hinweis: WDR „echt Böhmermann“, 13.4.2007, 23:05 Uhr

Der WDR probiert was Neues. „echt“ heißt das Format. Zwei Sendungen: die Reportagen „echt im Leben“ und das Comedyformat „echt Böhmermann“. Letzteres startet heute um 23:05 Uhr im WDR Fernsehen und wird u.a. von Titanic-Redakteuren produziert.

Interessant — obwohl das selbstverständlich sein sollte — ist vor allem, dass die Sendungen als vollständige Podcasts angeboten werden. Böhmermanns Sendung bereits vor der TV-Ausstrahlung. Die zweite Folge soll gar vorab in Second Life gezeigt werden.

Ich bin gespannt. Zumindest der Teaser ist vielversprechend und die Onlineumfrage zeugt von sympathischer Selbstironie:

Kacken für mehr Sicherheit

„Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.“

Neben dem Gefasel von erhöhter Sicherheit ist das das Totschlagargument für noch mehr Überwachung. Mehr noch, eigentlich sollte man froh sein, seine Daten für den Kampf gegen Terror, Verbrechen und Kinderporno zur Verfügung zu stellen. Was soll man da noch zu sagen?

Ich behaupte ja, das jeder was zu verbergen hat und kann mir nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die tatsächlich keine Probleme mit Überwachung haben. Aber da ich ja schon mal für naiv gehalten werde, lasse ich mich gerne vom Gegenteil überzeugen.

Ich suche also Vorbildbürger, die tatsächlich nichts zu verbergen haben. Das glaube ich natürlich nicht so ohne weiteres. Da ich gerade keinen passenden Bundestrojaner zur Online-Durchsuchung zur Hand habe, muss ein anderer Beweis her. Und zwar will ich ein Foto oder Video der entsprechenden Person beim Kacken, Nasepopeln oder bei anderen obszönen Tätigkeiten (bitte keine sexuelle Handlungen, wegen Pornographie und so).

Entsprechende, für hinreichend obszön befundene Einsendungen werde ich dann anschließend hier veröffentlichen, um zu dokumentieren, welche heldenhaften Bürger den Kampf gegen den Terror uneingeschränkt unterstützen. Da ist doch nichts bei, oder?

Kleine Formalie noch: Wegen der Authentizität muss ich bei mir unbekannten Personen leider auf eine zusätzliche Einsendung einer Ausweiskopie (gerne abfotografiert oder als Scan) bestehen. Das dient natürlich nur der Sicherheit und dem Schutz der Anti-Terror-Scheißer. Die Ausweisbilder werden hier nicht veröffentlicht.

Im Kampf gegen Terror und Kinderporno hilft man doch gerne. Also zeigt eure Unterstützung!

Links vom 12.4.2007

Links vom 8.4.2007