Mannomann. Heutzutage muss man ja um jeden Tag glücklich sein, den man unbeschadet ohne Terrorangriff übersteht. Ich bin da ja kein Experte, aber wenn man unseren Sicherheitsbehörden und Politikern glauben darf, dann hocken förmlich hinter jeder Ecke islamistische Selbstmordattentäter, die nur darauf warten, unschuldige Menschen in den Tod zu reißen und unter dem Rest der Bevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten.
Oh, Moment. Angst vor Terrorangriffen haben wir ja schon heute. Und das ohne auch nur einen Anschlag auf deutschem Boden. Die Angst gibt es quasi gratis. Das hypothetische Risiko eines Anschlags erzeugt eine Atmosphäre, die selber Ziel eines jeden Anschlags ist. Irgendwie schon pervers.
Und falls mal jemand zweifelt, gibt es immer einen zuverlässigen Innenminister oder BKA-Chef, der die Gefahr wieder heraufbeschwört und der der Bevölkerung klar macht, dass ein Anschlag unmittelbar bevorsteht.
Bullshit.
Zum Glück kommt es nicht nur mir seltsam vor, dass nach der ganzen Medienschelte für Schäubles Überwachungspläne auf einmal eine schwammige Warnung vor Terrorangriffen herausgegeben wird. Irgendwie ist gerade nichts über konkrete Angriffe bekannt, aber trotzdem ist jetzt alles gefährlich. Selbst die betroffenen US-Behörden wissen nichts genaues. Die deutschen Stellen sprechen von einer „abstrakten Gefährdung“.
Abstrakte Gefährdung? Entschuldigung, aber was ist das denn bitte für ein beknacktes Wort? Das klingt nach “gefühlter Terrorangst” und hört sich nach einer sinnlosen Marketing-Buzz-Worthülse an. Mein Fremdwörterbuch meint zu „abstrakt“:
1. vom Dinglichen gelöst, rein begrifflich
2. theoretisch, ohne unmittelbaren Bezug zur Realität
Und das Wiktionary:
Synonyme:
[1] begrifflich, unanschaulich, ungegenständlich, unkonkret, unwirklich
Soso. Unwirkliche Gefährdung ohne unmittelbaren Bezug zur Realität. Das gefällt mir.
Aber vielleicht kommen wir mal zu den Fakten.
Fakt ist, dass es in Deutschland bisher keinen erfolgreichen Terroranschlag gab. Ironischerweise ist von den „westlichen Ländern“ Großbritannien bei den Post-9/11-Anschlägen am stärksten betroffen. Ein Land, das wie kaum ein anderes auf Überwachung setzt.
Es gab bei uns lediglich einen missglückten Versuch, der aber auch nicht durch Sicherheitsbehörden, sondern nur durch Konstruktionsfehler in den verwendeten Bomben verhindert wurde.
Als ich damals erstmals von der Konstruktion der Kofferbomben hörte, war meine Assoziation: „Das klingt jetzt aber nicht besonders professionell.“ Tatsächlich funktionierten die Bomben nicht. Aber ich bin kein Sprengstoffexperte und auch eine unprofessionelle Bombe hätte sicher verheerende Effekte haben können. Wären die Anschläge geglückt, hätte es vermutlich Tote gegeben. Wie viele ist müßige Spekulation. Ob nun 5, 10, 50 oder 100 Tote, wer weiß?
Und wenn bei einem solchen Anschlag auch nur ein Mensch ums Leben gekommen wäre, dann wäre das ein Mensch zu viel. Aber trotzdem sollte man bei solchen Überlegungen nicht die Realität aus den Augen verlieren.
Denn Fakt ist auch, dass in Deutschland jedes Jahr über 5.000 Menschen in Verkehrsunfällen sterben. Über 6.000 kommen in Haushaltsunfällen ums Leben. Von solchen Zahlen können Terroristen nur träumen. Selbst die Badeunfälle mit 500-600 Toten pro Jahr sind um ein vielfaches höher als alle hypothetischen Terrortodeszahlen.
Pro Jahr sterben bei uns 42.000 Personen an Folgen des Alkoholkonsums. Doch unschlagbar an der Spitze steht das Rauchen mit 140.000 Toten pro Jahr. 3.300 Menschen davon sterben jährlich sogar als Nichtraucher am Passivrauchen.
Allein durch diese unvollständige Liste sterben jährlich fast 200.000 Menschen. Dagegen ist die Bedrohung durch den Terrorismus ein kleiner Furz. Sicher kein Furz, den man auf die leichte Schulter nehmen sollte. Aber im Vergleich mit anderen Risikofaktoren verschwindend ungefährlich.
Und nun stelle man sich vor, Politiker würden auf diese Gefährdungen ähnlich überzogen reagieren wie Schäuble und Co. auf die Bedrohung durch den Terrorismus. Was wäre dann?
Komplettüberwachung des gesamten Straßenverkehrs, Lebenslanger Entzug der Fahrerlaubnis für Verkehrssünder, generelles Tempolimit von max. 50 km/h überall, Abschaffung mehrspuriger Straßen. Man müsste ein Verbot von Messern, Scheren, Küchenherden und anderen gefährlichen Haushaltsgeräten fordern. Heimwerkern wäre zu verbieten. Zum Anbringen einer Lampe müsste dann ein Elektroinstallateur vorbeikommen. Schwimmbäder gehörten verboten, genauso wie das Baden in Seen, Meeren und Flüssen. Und damit sich jeder dran hält, bräuchte man Stacheldrahtzaun an jedem deutschen Gewässer. Natürlich wären generell Freizeiteinrichtungen nicht mehr tragbar.
Alkohol und Tabak wären als gefährliche Drogen komplett zu verbieten, alleine zum Schutz derer, die ohne Alkohol- oder Tabakkonsum zu Schaden kommen. Da bekommt der Begriff Nichtraucherschutz völlig neue Dimensionen. Natürlich dürften Ermittlungsbehörden verdeckt und auch offen ohne Ankündigung Wohnungen durchsuchen und überwachen, um sicherzustellen, das auch dort nicht illegal konsumiert wird. Aber keine Panik, die Beamten achten nur auf den Drogenkosum. Spezielle Vorkehrungen verhindern, dass der Betroffene bei intimen Tätigkeiten — wie z.B. dem Geschlechtsverkehr — überwacht wird.
Natürlich ist das alles totaler Blödsinn. Selbst dadurch ließen sich viele Todesopfer nicht vermeiden. Und eine totale Prohibition würde den Alkohol- und Tabakkonsum sicher nicht stoppen.
Das Leben ist mit Risiken verbunden. Immer. Es gibt unzählig viele Gründe, warum man in den nächsten zehn Minuten sterben könnte. Einen Teil dieser Risiken kann man vermindern. Dabei sollte man aber immer daran denken, ob die damit verbundene Einschränkung den Sicherheitsgewinn rechtfertigt. Viele Risiken sind es sogar wert, eingegangen zu werden. Ich jedenfalls werde mir das Freibad dieses Jahr nicht nehmen lassen. Auch, wenn ich dort wahrscheinlicher ums Leben komme als durch einen Terrorangriff.
Die Gefahr eines Terrorangriffs bleibt immer bestehen. Egal, welch perverse Überwachungsmethoden gefordert und eingeführt werden. Vielleicht kann der Schäuble-Katalog das Risiko eines Terrorangriffs tatsächlich geringfügig verringern. Vermutlich aber würde all die Überwachung — wenn überhaupt — nur bei der nachträglichen Aufklärung helfen. Eine Tatsache, die einem Selbstmordattentäter herzlich egal sein kann.
Aber auch im Falle eines kleinen Sicherheitsgewinns bleibt ein massiver Grundrechtseingriff. Und das für ein Risiko, das in keinem Verhältnis zu anderen Gefährdungen steht. Ich finde das sehr bedenklich.
Doch trotz allem ist die Angst vor dem Terrorismus größer als vor vielen ernsteren Gefahren. Ich weiß nicht, ob dahinter eine verschwörerische psychologische Kriegsführung seitens sicherheitsfanatischer Politiker steckt oder ob es einfach daran liegt, dass Menschen generell bei der Einschätzung von Risiken zu extremer Irrationalität neigen. Im Endeffekt auch egal.
Ich jedenfalls halte nach wie vor die Gefahr eines Terrorangriffs in Deutschland für absolut überschaubar und kaum besorgniserregend. Die von Schäuble und Co. immer wieder angeführte Bedrohung ist für mich dosierte Panikmache, um die eigenen Überwachungspläne zu rechtfertigen. Sowas nennt man anderswo Propaganda.
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