Ablauf einer TeleBid-Auktion

Achtung, extrem langer Artikel!

Nachdem ich bereits über die Abmahnungen von TeleBid gegen einen Blogger berichtet hatte, habe ich mir TeleBid mal selber angesehen. Ich wollte verstehen, wie eine Auktion bei TeleBid abläuft. Dazu habe ich am vergangenen Donnerstag gegen 13:45 Uhr auf der Hauptseite von TeleBid zufällig und willkürlich eine Auktion angeklickt, die „bald“ enden solle. Es ging um die Digitalkamera „Lumix DMC-FZ50“ von Panasonic. Diese bekommt man bei seriösen Onlinehändlern für ca. 480 €.

Dementsprechend beziehen sich alle hier gemachten Angaben nur auf diese konkrete Auktion. Ich werde nicht behaupten, dass auch andere Auktionen so ablaufen oder das dahinter gar eine Masche steckt. Es darf sich natürlich jeder selber ein Bild machen, um die Beobachtungen zu widerlegen oder bestätigen.

Die Kamera wird bei TeleBid auch zu einem Sofortkaufpreis von 699 € angeboten. Warum dieser Preis deutlich über anderen Onlineanbietern liegt, weiß ich nicht. Meine Vermutung ist, dass TeleBid gar nicht an einem Sofortkauf interessiert ist. Wer den Artikel direkt kaufen will, soll TeleBid per E-Mail kontaktieren. Ein sonst übliches Shopsystem zur Kaufabwicklung existiert nicht. Weiterhin wird die Auktion durch einem Sofortkauf nicht gestoppt, sondern läuft ganz regulär weiter.

Tatsächlich wird der Sofortkaufpreis für eine Ersparnisberechnung (s. Abbildung) verwendet, die Interessierten präsentiert, wie viel Geld man beim Kauf zum aktuell prognostizierten Kaufpreis (dazu später mehr) gegenüber dem Sofortkaufpreis spart.

Das Auktionsprinzip wird auch bei Tobias Battson beschrieben. Hier eine Zusammenfassung. Wer mitbieten will, ruft eine 0137er-Telefonnummer an[1]. Die Kosten pro Anruf/Gebot betragen 0,50 €. Für jeden Anruf steigt der aktuelle Auktionspreis um 0,10 €. In einer Box wird ein aktueller Bieter (meist wohl eine teilanonymisierte Telefonnummer) und ein aktueller Preis genannt (s. Abbildung weiter unten). Wobei ich mir nicht sicher bin, ob es sich dort tatsächlich um den Höchstbietenden handelt, aber dazu nachher mehr.

An der linken Seite ist ein Countdown. Er zählt eine vorgegebene Zeit (ich nenne sie mal Countdownzeit) ab. Ruft nach einem Bieter kein weiterer innerhalb dieser Zeit an, läuft die Uhr ab und der letzte Bieter erhält den Zuschlag. Findet sich ein weiterer Anrufer, wird der Zähler auf die Countdownzeit zurückgesetzt und beginnt von Neuem.

Wie und wann die Anrufe in die Auktion einfließen, ist mir unklar. Einer klassischen Auktion (wie im realen Auktionshaus) würde es wohl entsprechen, wenn ein Anrufer den Zähler unmittelbar zurücksetzen würde. Beispiel: Der Zähler startet bei 40 Sekunden. Nach fünf Sekunden kommt ein neuer Anruf und der Zähler wird von 35 Sekunden auf 40 Sekunden zurückgesetzt.

Auffällig ist jedoch, dass der Zähler (wenn ich ihn beobachtet habe) jedes mal bis auf ca. zwei Sekunden heruntergezählt wurde und erst dann auf den Vorgabewert zurücksprang. Es kann natürlich sein, dass bei den unzähligen Malen, die ich das beobachtet habe, jedes mal genau dann der entsprechende Anruf einging.

Meine Vermutung ist jedoch eher (und die scheint sich auf den Hilfeseiten von TeleBid zu bestätigen), dass die Anrufer in eine Art Warteschlange gestellt werden und jeder einzelne Anruf für die aktuelle Countdownzeit aktiv ist. Riefen also innerhalb der Zeit zehn Anrufer an, liefe die Uhr zehn Mal hintereinander ab. Auch, wenn die Anrufer alle innerhalb von Sekunden anriefen. Bei einer Zeit von 40 Sekunden würde die Auktion also garantiert noch 6:40 Minuten laufen. Der abgebildete aktuelle Bieter wäre dann lediglich der, dessen Zeit gerade läuft, aber nicht unbedingt der Höchstbietende, der zuletzt angerufen hat. Wie gesagt, reine Vermutung. Beweisen kann ich das nicht.

Der Unterschied zu einer sofortigen Berücksichtigung ist offensichtlich. Für den Anbieter bliebe die Auktion länger „am Leben“. Das Risiko, den Artikel zu niedrigem Preis verkaufen zu müssen, wäre erheblich verringert. Der Anrufende hat dadurch natürlich schlechtere Karten. Immerhin müsste er für eine wesentlich längere Zeit Höchstbietender bleiben.

Zumindest mir suggeriert die Anzeige und Aufmachung jedoch eher einen Ablauf wie in einer klassischen Auktion, in der ich nach einem Anruf nur noch die Countdownzeit ohne weitere Bieter überstehen muss. Auf der Auktionsseite selber konnte ich auch keinen Hinweis dazu finden, dass es anders funktioniert. Aber wahrscheinlich bin ich einfach nur zu blöd, dass sofort zu verstehen. Allen anderen Besuchern und vor allem Bietern wird das sicherlich sofort klar sein.

Zu guter Letzt gibt es auf der Seite noch eine sog. „Hochrechnung für [das] Auktionsende“ (s. Abbildung). Dort wird ein „Endpreis“, ein „Auktionsgewinner“ und ein „Ende ca.“ genannt. Ich schätze mal (und auch da verstehe ich die TeleBid-Hilfe so), dass hier als „Gewinner“ der tatsächlich letzte Anrufer genannt wird. Der „Endpreis“ wäre dann der, der nach Berücksichtigung aller Bieter in der Warteschleife zustande käme. Das geschätzte Ende wäre dann erreicht, wenn für jeden Bieter die Countdownzeit abgelaufen ist. Natürlich nur, wenn sonst niemand mehr anruft.

Zumindest mir erschien die Hochrechnung so, als würde sie tatsächlich aus der aktuellen Zahl der Anrufe ein wahrscheinliches Auktionsende berechnen und damit einer vergleichsweise verlässlichen Schätzung entsprechen. Beispiel: In der vergangenen Minute gab es drei Anrufer pro Minute. In dieser Minute sind es nur noch zwei. Statistisch wird dann mit weiteren Daten vergangener Minuten geschätzt, dass in zehn Minuten nur noch ein Anrufer übrig ist, der die Auktion dann gewinnt. Ein solches Verfahren wäre natürlich keine absolute Wahrheit, aber wohl eine verlässlichere Prognose als eine reine Berechnung nach

Ende=(aktuelle Zeit) + Countdownzeit*(Anzahl Bieter in der Warteschlange).

Aber auch hier bin ich wohl zu naiv. Andere Besucher und Bieter lesen bestimmt aufmerksam die Hilfe oder kapieren das auch so.

Soviel zur Theorie. Angefangen habe ich meine Beobachtungen um 13:45:37 Uhr. Aktuelle Countdownzeit: 40 Sekunden. Aktueller Preis: 125,80 €. Endpreis: 125,90 €. Geschätztes Ende: 13:46 Uhr. Auf der Seite blinkt ein Banner: „Jetzt bieten und Gewinnen[sic]!“ — „Ende in wenigen Sekunden!“

13:48:01 Uhr. Aktueller Preis: 126,20 €. Endpreis: 126,30 €. Geschätztes Ende: 13:48 Uhr. Das Banner blinkt.

14:00:09 Uhr. Aktueller Preis: 128,90 €. Endpreis: 129,70 €. Geschätztes Ende: 14:05 Uhr. Das Banner blinkt nicht.

14:34:29 Uhr. Inzwischen wurde die Countdownzeit auf 20 Sekunden verkürzt. Aktueller Preis: 137,70 €. Endpreis: 137,90 €. Geschätztes Ende: 14:35 Uhr. Das Banner blinkt. Bisher habe ich auf meinen Screenshots nur vier unterschiedliche anonymisierte Nummern entdecken können (bei diesen werden die letzten drei Ziffern durch ein „X“ ersetzt). Das heißt nicht, dass eine gleich aussehende Nummer immer dem gleichen Bieter gehören muss, da natürlich mehrere Bieter anrufen können, bei denen sich die letzten drei Ziffern unterscheiden. Es legt aber die Vermutung nahe, dass hier einige Anrufer gehäuft anrufen.

17:18:21 Uhr. Aktueller Preis: 197,90 €. Endpreis: 202,70 €. Geschätztes Ende: 17:33 Uhr. Das Banner blinkt nicht.

20:34:24 Uhr. Aktueller Preis: 265,20 €. Endpreis: 265,50 €. Geschätztes Ende: 20:35 Uhr. Das Banner blinkt.

Um 20:47 Uhr ist dann die Auktion zwischenzeitlich zu Ende gegangen. Tatsächlicher Endpreis: 267,90 €. Auf insgesamt 37 Screenshots[2] gerade mal zehn verschiedene anonym. Nummern.

Was heißt das jetzt alles? Erstens fällt auf, dass die „Hochrechnung“ zumindest in dieser Auktion unnütz war. Fast immer war das prognostizierte Ende nur wenige Minuten entfernt. Trotzdem lief die Auktion allein in dem von mir beobachteten Zeitraum 6:50 Stunden. Anscheinend beginnen Auktionen bei TeleBid bei ca. 0,00 €. Bei 40 Sekunden Countdownzeit vor der Beobachtung schätze ich damit die gesamte Auktionszeit auf knapp 21 Stunden.

Ich weiß nicht mehr, wann das blinkende Banner sichtbar war und wann nicht. Auf den 37 Screenshots ist das Banner jedenfalls 30 mal aktiv. Ich habe aus Beobachtungen anderer Auktionen die Vermutung, dass das Banner eingeblendet wird, sobald das geschätzte Ende weniger als fünf Minuten entfernt ist.

Bei der „Hochrechnung“ und besonders dem blinkenden Banner bekomme ich die Befürchtung, dass hier manche Anrufer falsche Vorstellungen vom Auktionsablauf bekommen und höhere Gewinnchancen sowie ein absehbares Ende annehmen könnten. Anrufsendern wie 9Live wird oft vorgeworfen, dass die Moderatoren fälschlicherweise das Ende eines Gewinnspiels bzw. kurzfristig erhöhte Gewinnchancen oder andere Spielregeln suggerieren, um naive Anrufer und besonders Spielsüchtige unter Druck zu setzen und diese zu Anrufen (auch wiederholten) zu verleiten.

Bei TeleBid befürchte ich eine ähnliche Wirkung auf naive oder spielsüchtige Bieter. Die am häufigsten wiederkehrende Telefonnummer taucht im gesamten Beobachtungszeitraum auf 37 Screenshots mit 32 Geboten auf[3]. Angenommen es handele sich dort um nur einen Bieter, hätte er mindestens 16 € nur für das Mitbieten ausgegeben (den Zuschlag hat er nicht erhalten). Wie wahrscheinlich es ist, dass dieser Bieter in fast sieben Stunden ausschließlich genau zu meinen Screenshots angerufen hat, darf sich jeder selber überlegen. Ich will gar nicht wissen, wie viel Geld manche Mitbieter umsonst ausgegeben haben.

Natürlich würde ich nicht so weit gehen, TeleBid hier Vorsatz, Betrugsabsichten oder illegales Glücksspiel vorzuwerfen. Solche Behauptungen könnte ich schon gar nicht beweisen. Und vielleicht bin ich mit meinen obigen Befürchtungen einfach zu paranoid.

Festzuhalten bleibt einiges zu den Kosten. Der endgültige Preis erscheint tatsächlich verlockend. Bezahlt jedoch jeder Bieter pro Gebot 0,50 €, dann haben die Bieter im Beobachtungszeitraum allein für die Gebote 710,50 € bezahlt. Zusammen mit dem Endpreis sind das insgesamt 988,20 € (inkl. Versandkosten) . Geht man von einem Auktionsstart bei 0,00 € aus, vergrößert sich diese Summe auf 1617,20 €, natürlich getragen von allen Bietern, also auch denen, die gar keine Kamera erhalten. Wie erwähnt, bei empfehlenswerten Onlineshops bekommt man die Kamera für ca. 480 €.

Wenn man dem Dokument „Der Missbrauch von Mehrwertdiensterufnummern zulasten der Verbraucher“ von Prof. Peter Mankowski von der Uni Hamburg glauben darf, bleiben von den 0,50 € Kosten für eine 0137er-Nummer für den Anbieter bis zu 0,34 €. Wenn alle Annahmen bis hier stimmen, bliebe für TeleBid ein Umsatz von knapp 1190 €. Um das nochmal klarzustellen. Andere Anbieter können diese Kamera trotz eigener Kosten profitabel für 500 € anbieten. Setzt man bei TeleBid ähnliche Kosten an, bliebe ein zusätzlicher Reingewinn von 700 €.

Was man nun von TeleBid hält, ob man das Ganze für eine geniale Auktionsplattform oder ein Glücksspielangebot hält und ob man in den angegebenen Hochrechnungen und abgebildeten Bannern eine Täuschung der Bieter sieht, möge jeder für sich selbst entscheiden. Mich erinnert das Angebot teilweise an die Schilderungen von Stefan Niggemeier zu Anrufsendern wie 9Live hier und dort. Aber, wie gesagt, ich neige vielleicht auch einfach zu Paranoia.

Und noch was Schönes zum Schluss. In den AGB von TeleBid befindet sich unter § 13 mein Lieblingsdisclaimer zu externen Links.

[1] Es sind auch Gebote ohne Anruf möglich. Diese kosten aber wohl gleich viel und werden gleich behandelt. Daher spreche ich von Anrufern, auch wenn die Gebote u.U. nicht durch einen Telefonanruf initiiert wurden.

[2] Die Screenshots wurden nicht zu bestimmten Zeitpunkten erstellt, sondern völlig willkürlich und zufällig. Bei jedem Screenshot (bis auf zwei Ausnahmen) liegt zwischen diesem und dem jeweils vorhergehenden ein Zeitraum von mehr als einer Minute. Bei vielen ist der Abstand zwischen den Bildern sogar wesentlich größer.

[3] Dabei werden sowohl aktuelle Gebote als auch die Gebote in der „Hochrechnung“ gezählt. U.U. können also auf einem Screenshot zwei Gebote identifiziert werden (wenn aktueller Preis und Endpreis unterschiedlich sind). Eine Doppelzählung über Screenshots hinweg kann dadurch vermieden werden, dass aktuelle Preise und „Endpreise“ berücksichtigt werden. Beispiel: Auf Screenshot 1 taucht Bieter 0123456789 mit aktuellem Preis von 150,10 € und mit Endpreis von 150,50 € auf. Auf Screenshot 2 taucht Bieter 0123456789 mit aktuellem Preis von 150,30 € und mit Endpreis von 150,50 € auf. Das macht drei Gebote von Bieter 0123456789 (150,10 €, 150,30 €, 150,50 €).

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