Von Fliegen und Tankern

Fast jeder hat irgendeine Meinung zur Kernenergie. Und bevor man mich falsch versteht, ich finde es gut, wenn Menschen eine Meinung haben und diese kundtun.

Aber es äußern sich auch die zum Thema, die nichtmal ansatzweise verstehen, wovon sie reden, und im Endeffekt nur den Lobbyisten (sowohl den Befürworter- aber auch den Gegnerlobbyisten) nachplappern. Oder noch schlimmer. Leute, die totalen Blödsinn erzählen, bei dem man nur noch mit dem Kopf schütteln kann. So wie in den Kommentaren zu diesem Artikel der Süddeutschen Zeitung zum Kernkraftwerk Forsmark. Dort schreibt ein gewisser IndianerJoe:

Zum Thema Plutonium: Es gilt als der giftigste Stoff der Welt - schon ein einziges inkorporiertes Molekül würde mit seinen Alfastrahlen beim Einbau in den Körper seine unmittelbare Umgebung derart schädigen, das ein Krebstod sicher ist. Die Halbwertszeit von Plutonium ist in somit als Maß seiner Gefährlichkeit ungeeignet.

[…]

Wahnsinn! Als Physiker stehen mir die Haare zu Berge, wenn ich daran denke, wie knapp meine kleinen Kinder und ich vor wenigen Tagen dem sicheren Krebstod entgangen sind!

Der Mann behauptet also, dass ein Mensch nach der Aufnahme eines einzigen Plutoniumkerns (mir ist unklar, warum er von Molekül spricht; Radioaktivität ist eine Eigenschaft der Atomkerne; vermutlich meint er einen Plutoniumkern) an Krebs erkrankt und daran stirbt. Das ist so totaler Blödsinn, mir klappt jetzt noch die Kinnlade herunter, wenn ich das lese.

Anhand der vorhergehenden Diskussion muss man davon ausgehen, dass vom Plutoniumisotop 239Pu die Rede ist. 239Pu hat eine Halbwertszeit von 24000 Jahren. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser eine Kern also während seiner Zeit im menschlichen Körper überhaupt zerfällt, ist winzig. Und selbst wenn das passiert, dieser eine Zerfall würde neben der natürlichen Radioaktivität überhaupt nicht auffallen.

Tatsächlich braucht es zur Entstehung von Krebs schon einige Mikrogramm Plutonium im Körper. Das hört sich nicht nach viel mehr an. Tatsächlich enspricht der Unterschied zwischen einem Kern und 1 µg dem Unterschied zwischen der Masse einer Stubenfliege (80 mg) und dem von 350 voll beladenen Jahre-Viking-Frachtschiffen. Letztere ist mit 564736 t das größte Schiff der Welt (Quelle).

Und dass Plutonium nicht der giftigste Stoff der Welt sein kann, sieht man, wenn man die LD50-Werte von Plutonium (0,32 mg/kg) mit denen vom vermutlich tatsächlich giftigsten Stoff Botox (Ja, genau das Botox) (LD50 zwischen 30 pg/kg bis 3 ng/kg) vergleicht. Botox ist immerhin noch 100.000 bis 10.000.000 mal so giftig wie Plutonium.

Was mich am meisten schockiert, ist die Tatsache, dass dieser Kommentator nach eigenen Angaben behauptet, Physiker zu sein. Wenn das stimmt, dann muss er das besser wissen.

Und er müsste auch wissen, dass bei einem schlimmen Unfall in Forsmark (ob da tatsächlich Gefahr bestanden hat, sei mal außen vor) ganz bestimmt niemand in Deutschland einen sicheren Krebstot zu befürchten hätte. Womit ich nicht die katastrophalen Auswirkungen eines Super-GAUs gerade für die schwedische Bevölkerung herunterspielen will. Aber übertreiben sollte man ebensowenig.

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