“Often, the less there is to justify a traditional custom, the harder it is to get rid of it.” - Mark Twain
Gestern war Rosenmontag. Ein Tag, an dem vielerorts mehr oder weniger groß Karneval gefeiert wird. Hier in Bochum (oder Wattenscheid, wie Lokalpatrioten sagen würden) ist der Tag aber auch Anlass zu einer weiteren Tradition: dem Gänsereiten.
Man hängt eine tote Gans kopfüber an ein Seil zwischen zwei Bäume. Den Hals der Gans reibt man mit Schmierseife ein. Anschließend versuchen Männer im Vorbeireiten der Gans den Kopf abzureissen. Wer das schafft, darf sich für das nächste Jahr König nennen (Fotos auf einer Tierschutzseite). Bis 2005 haben das auch Kinder beim Kindergänsereiten gemacht.
Begleitet wird das Ganze alljährlich von einer „Großdemonstration“, bestehend aus einer Hand voll verblendeter Tierschützer, die irgendwelche Rechte der toten Gans verletzt sehen. Um ehrlich zu sein, ich kann mit solchen Leuten nichts anfangen. Ihre Argumente erscheinen mir oft sehr fragwürdig und ihre Vorstellungen weltfremd. Aber damit will ich mich an dieser Stelle nicht befassen.
Man sagt, das Gänsereiten sei eine von den Spaniern überlieferte Tradition. Ich finde es einfach nur abartig. Nicht wegen der „armen Gans“. Sondern wegen der Reiter, die da an totem Tier rumreißen. Zum Spaß. Und zur Belustigung der Zuschauer. Geht’s noch verrohter und abgestumpfter?
Einen Seitenhieb auf die vermutliche Akzeptanz eines „Killerspiel“-Vebots bei solchen Leuten erspare ich mir.
Die Gänsereiter finden das Ganze natürlich nicht abartig. Schützenswerte Tradition nennt man das hier und rechtfertigt damit das alljährliche Spektakel. Das findet sogar die (lokale) katholische Kirche.
Tradition. So ein Bullshit. Mir fällt spontan nichts ein, was irgendwie unter dem Label Tradition abläuft, wo ich sagen kann „Hey, das finde ich richtig gut“. Es gibt sicherlich Dinge, die Tradition sind und die ich befürworte. Aber das sind dann Sachen, für die auch andere Argumente sprechen.
Ich meine, wenn ich auf den Gehweg scheiße und dann mit meinen Fingern im Haufen rumrühre, dann ist das widerlich. Da dürfte mir kaum einer widersprechen. Aber wenn jetzt das halbe Dorf auf den Gehweg scheißt und dann mit den Fingern drin rumrührt, die andere Hälfte jubelnd daneben steht und man das Ganze als Tradition bezeichnet, dann ist das doch mindestens genauso widerlich, oder?
Anscheinend sind die Gänsereiter sehr stolz auf ihre Reitkultur. Ich frage mich, was man davon hielte, wenn man als Gegenveranstaltung einem geschlachteten Pferd Kopf und Beine abhacken ließe. So zum Spaß und zur Belustigung.
Das ist was völlig anderes? Ach ja? Und warum bitte?
Klar ist das was anderes! Nämlich ist das keine Tradition ^-^
Noch nicht.
Habe mir über Wikipedia den Beitrag des WDR zur Gänsereiter-Tradition durchgelesen und bin entsetzt. Nicht nur darüber, dass es sogar Kinderaktionen als Vorbereitung für dieses abartige Schauspiel gibt, sondern auch darüber, wie Vertreter der kath. Kirche dazu stehen. Ich weiß gar nicht, wieso ich jetzt immer an die Zeit von 33-45 denke?
Naja, dass mit der Haltung der Kirche im dritten Reich zu vergleichen, geht ein bisschen zu weit (finde ich).
Und vom Standpunkt der Kirche ist es auch gar nicht mal so doof, das zu befürworten. Denn immerhin steht die Kirche mit ihrer Schöpfungsgeschichte auf dem Standpunkt, dass sich die Tiere dem Menschen als Krone der Schöpfung unterzuordnen haben. In solchen Kopfabreißaktionen kann man da natürlich schön seine Vorstellungen bestätigt sehen.
Außerdem dürfte die Schnittmenge zwischen Kirchengängern und „Traditionalisten“ doch recht groß sein. Da würde man sich mit einer ablehnenden Haltung sicher in’s eigene Fleisch schneiden.
Mit der Schnittmenge von Kirchgängern und Traditionsliebhabern geb ich dir recht.
Aber soweit ich in Schule und Uni was über die Schöpfungsgeschichte gelernt habe, ist die Auslegung von “herrschen” und “untertan machen” eher positiv zu verstehen und sollte nichts mit abgerissenen Köpfen zu tun haben. Wobei ich jetzt wiederum nicht weiß, ob der katholische Verein da meine Auffassung teilt…