Killerargumente

Heise schreibt über Diskussionen zu einem „Killerspiel“-Verbot:

Beim Treffen der europäischen Innen- und Justizminister in Dresden forderte der bayerische Ressortchef Günther Beckstein (CSU) als Ländervertreter am Dienstag: “Wir brauchen ein gesetzliches Verbot – dann werden die Betreiber es aus dem Netz nehmen.” Als Kinderpornos im Internet verboten wurden, habe man das Angebot damit “zu 95 Prozent” verringert.

Merksatz: Man nehme eine beliebige Diskussion, in der man keine guten Argumente hat. Das kann eine Diskussion über die Ausweitung der Befugnisse von Strafverfolgern oder eine über Verbote sogenannter „Killerspiele“ sein.

In dieser Diskussion bringe man dann eine abstruse und völlig unpassende Behauptung zum Thema Kinderpornographie und stelle diese so in Zusammenhang mit dem aktuellen Thema, dass die eigene Meinung unterstrichen wird.

Da Kinderpornographie absolut ächtenswert ist und niemand gegen mehr Verfolgung der Täter oder mehr Schutz der Opfer argumentieren wird, kann man so alle Kritiker auf der Stelle erschlagen.

Beckstein begeht argumentatorisch fatale Fehler, aber rhetorisch ist dieser Schachzug genauso genial wie plump und dreist.

Abgesehen davon, dass ich nicht denke, dass Angebote von Kinderpornographie tatsächlich zurückgegangen sind oder zurückgehen werden. Ich vermute, dass dahinter ein erschreckend großer Markt mit großem finanziellen Umsatz steckt. Die Interessenten solch perverser Angebote werden weiterhin bekommen, wonach sie suchen. Zwar nicht direkt bei Google, aber dafür in anderen, versteckteren Teilen des Internets. Das Problem verlagert sich und ist lediglich weniger offensichtlich. Aber sowas reicht manchem Politiker ja auch schon.

Viel erschreckender ist aber, dass Beckstein Computerspiele mit Gewalthintergrund und Kinderpornographie gleichsetzt. Die Frage, ob ein Verbot sogenannter „Killerspiele“ überhaupt sinnvoll ist, wird übergangen. Beckstein tut so, als sei das diese Diskussion gar nicht nötig. Genauso wie es auch nicht nötig ist, über Verbote von Kinderpornos zu diskutieren.

Er behauptet nur, dass ein Verbot dieser Spiele genauso wirksam wie das Verbot von Kinderpornographie sei.

Wenn man nicht genau hinsieht, könnte man tatsächlich Parallelen zwischen Kinderpornos und „Killerspielen“ finden. Der Unterschied ist aber: Kinderpornos dürften wohl hauptsächlich aus Abbildungen oder Videos tatsächlicher Kindesmißbrauche bestehen. Zumindest suggerieren das Medienberichte nach größeren Skandalen. Es gibt dort also tatsächliche Opfer und tatsächliche Täter. Weiterhin steht bei Kinderpornos nur eines im Vordergrund: Mißbrauch von Minderjährigen.

Bei „Killerspielen“ ist die Situation anders und benötigt mehr Differenzierung. Zunächst einmal werden dort nicht reale Menschen getötet. Genausowenig wie in einem Tatort reale Morde gezeigt werden. Weiterhin tötet man in Computerspielen nicht wahllos irgendwelche Opfer (wie z.B. Mitschüler). Fast alle „Killerspiele“ stehen in einem militärischen Kontext und stellen historische oder fiktive Kriege nach. Das muss man nicht toll finden. Die Frage ist aber, ob man so etwas verbieten muss.

Kinderpornos müsste man also eher mit Abbildungen von realen Gewaltätigkeiten oder Tötungen (wie z.B. Snuff-Videos) vergleichen. Dies sind Dinge, die auch ich absolut pervers finde und verachte. Aber das sieht auch § 131 StGB nicht anders, der wohlgemerkt auch bereits jetzt Computerspiele umfasst, bei denen die Gewaltdarstellung bzw. Tötung im Vordergrund steht. Deswegen gibt es auch keine legalen Computerspiele, in denen man wahllos Opfer abschlachten oder gar Frauen vergewaltigen muss.

Bei den bösen „Killerspielen“ steht Gewalt oder Tötung nicht im Vordergrund. Klar, es ist ein integraler Bestandteil des Spiels. Das will ich gar nicht leugnen. Aber es ist nur ein Teil neben vielen weiteren.

Wenn also Beckstein mich als gelegentlichen Spieler von Comuterspielen mit gewalttätigen Inhalten auf eine Stufe mit Konsumenten von Kinderpornos stellt, ja dann werde ich sauer. Sehr sogar.

Und was man nach wie vor nicht vergessen sollte. Für einen Amoklauf braucht man reale Waffen. Die kann kein Computerspiel bieten. Die bekommt man aber z.B. in Schützenvereinen (wie Robert Steinhäuser, Erfurt) oder im Internet bei der legalen Auktionsplattform eGun (wie Bastian B., Emsdetten).

10 Antworten zu “Killerargumente”


  1. 1 Meik

    Wie Du schon sagst: es gibt keine legalen Spiele, in denen man Frauen vergewaltigen muss. Es wird also ein Gesetz geben (da bin ich mir sogar ziemlich sicher, dass das kommt) in dem genau solche Spiele verboten werden. Das wird mit viel Pomp und Trompete in den Medien angekündigt, damit auch jeder “normale” Bürger mitbekommt, wie stark doch die Parteien in Deutschland durchgreifen. Wirklich was ändern wird sich nicht, da so Frauen-Vergewaltiger-Klamotten auch vorher schon verboten waren. Aber gut, dass wir drüber gesprochen haben und in den Medien aufgetaucht sind ^-^

    Besonders verdreht finde ich an dieser Stelle immer die Bild Zeitung: Erst bei Computerbild Spiele fette “Gewaltspiele” mit draufpacken und dann was schreiben, dass die doch ganz böse sind. Leicht unglaubwürdig, das ^-^

  2. 2 jimmibondi

    … auf die CSU ist einfach Verlass: Bis zu einem Jahr Haft für Killerspieler

  3. 3 Meik

    Was mir bislang aber immer noch fehlt ist die klare Definition, was denn nun ein Killerspiel ist. CounterStrike? Sims? Sogar bei Age of Empires gibts rotes Blut. Killerspiel?

  4. 4 flokru

    Das ist anscheinend ganz einfach, dass habe ich hier schonmal geschrieben. Also, wenn Final Fantasy als Spiel oder Film als Killerspiel oder Gewaltvideo abgestempelt wird, dann finde ich das sehr bezeichnend. Interessantes dazu auch hier.

    Wenn man so vorgeht, dann muss „Der Herr der Ringe“ als Spiel(film) verboten werden. Und jeder Actionfilm generell. Dann wäre auch Commander Keen ein Killerspiel. Aber diese Absurditäten kann man beliebig weiterspinnen.

    Mal ehrlich. Final Fantasy ist so weit ich weiß als Spiel und Film ab 12. Also entweder ist diese Debatte, dass Spiele und Filme Jugendliche gewalttätig machen, absurd. Denn wenn zwei Leute ein Spiel/einen Film ab 12 als Vorlage für eine Tötung nehmen, dann kann da was nicht stimmen.

    Oder unser Jugendschutz ist in katastrophalem Zustand. Demnach müsste man dann aber jegliche Gewaltdarstellung aus unserem Leben und den Medien abschaffen.

  5. 5 Meik

    Hehe, Demolition Man, anyone? “Sanfte Grüsse, was sind Eure Extreme?” In dem Film gibt´s ja die absolut gewaltfreie Gesellschaft. Vielleicht wäre das ja was, ein Volk von dummen Schafen, die treu ihre Steuern zahlen.

    Jo, Final Fantasy VII ist ab 12 und ich hab´s in der englischen Version durchgespielt. War äusserst unblutig, das.

  6. 6 Fabian

    Ja, unser Herr Blechstern, wie er leibt und lebt.
    Bei dem sieht es wirklich so aus, als ob da der Altersstarrsinn schon eingesetzt hat.

    Aber solch dolle Sachen von ihm sind leider nichts neues.
    Forderte er doch letztes Jahr, daß Boden-Luft-Raketen im Regierungsviertel und einen Kampfhubschrauber im Kanzleramt zu stationieren sind, um die drohende Gefahr durch die terroristischen Privatflieger abzuwenden.

  7. 7 flokru

    Ja, der Beckstein ist in der Tat ziemlich radikal.

    Er ist auch der Grund, warum ich nicht weiß, ob ich mich darüber freuen soll, dass der Stoiber geht. Wenn der jetzt Ministerpräsident von Bayern wird…

    Ich bin absolut kein Fan von Stoiber, aber soweit ich das überblicke scheint der Ede doch noch etwas gemäßigter als der Günther zu sein. Und Beckstein ist rhetorisch wesentlich fitter. Gut, dass ist jetzt auch nicht sonderlich schwer.

  8. 8 Vanessa

    Also ich finde es auch abartig, wenn kids am Bildschirm auf Menschen schiessen, ganz egal ob die echt sind oder nicht - wäre das sogar ein noch grösserer Anreiz ? Die schiessen später womöglich auch auf Bilder ihrer eigenen Freundin wenn sie Zoff mit haben…
    Und warum muss denn hier auch Blut im Spiel sein - ist das vielleicht nicht krank sich an blutenden Menschen aufzugeilen ?
    eure :Vannie:

  9. 9 flokru

    @Vanessa: Ich finde es wirklich gut, wenn sich hier jemand zu Wort meldet, der nicht meiner Meinung ist.

    In meinem Beitrag geht es darum, dass hier Computerspiele mit Kinderpornographie auf eine Stufe gestellt werden. Man kann von sog. Killerspielen halten, was man will. Aber sie mit Kinderpornographie zu vergleichen, geht nicht in Ordnung. Die Kinderpornographie ist hier der Nazivergleich für Computerspiele.

    Und um auf deine Argumente einzugehen: Ich kann nachvollziehen, dass man sowas für abartig hält. Dazu muss man aber feststellen, dass dieses Problem nicht ein Problem der Computerspiele, sondern der gesamten Kultur ist. Tatsache ist, dass implizite und auch explizite Gewaltdarstellungen auf viele Empfänger einen Reiz ausüben. In Romanen, Comics, Filmen, sogar den Nachrichten. Und eben in Computerspielen. Selbst in Krimis auf öffentlich-rechtlichen Sendern geht es um Mord und Gewalt und nicht um Ladendiebstahl oder Steuerbetrug. Und warum schießt man in Schützenvereinen mit scharfen Waffen auf Holzvögel? Warum nicht mit Bällen auf Zielscheiben werfen?

    Wir leben in einer gewaltverherrlichenden Kultur.

    Warum das eine derartige Faszination ausübt, kann ich nicht beantworten (habe ich auch hier schonmal geschrieben). Man muss so eine Frage jedoch vor einem größeren Kontext stellen, als nur auf Computerspiele beschränkt. Und man muss sich fragen, wie man damit umgehen will und ob Verbote da die richtige Lösung sind.

    Für Kinder sind Killerspiele sicher nicht geeignet. Aber das sieht auch unsere strenge Jugendschutzgesetzgebung bereits heute so.

    Der tatsächliche Knackpunkt ist jedoch ein anderer. Nämlich die Wirkung, die Gewaltdarstellungen in Computerspielen auf den Spieler haben. Das ist schwer zu diskutieren, wenn man darüber mit Leuten spricht, die selber solche Spiele nicht spielen.

    Ich kann für mich sagen, dass eine vergleichsweise harmlose Gewaltszene im Hollywoodstreifen „Stirb langsam“ wesentlich mehr Wirkung auf mich hat, als wenn ich selber einen anderen Spieler in einem Computerspiel erschieße. Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass Computerspieler beim Spielen Emotionen weitestgehend blockieren und nur die Gehirnareale aktiv sind, die für schnelle Reaktionen, Koordination, räumliches Denken, etc. zuständig sind. Das erklärt natürlich nicht, warum solche Darstellungen trotzdem reizvoll sind.

    Auf deine Frage mit dem Anreiz kann ich natürlich auch nur für mich antworten, denke aber, dass ich damit für einen Großteil der Spieler spreche. Nein, es stellt für mich keinen Anreiz dar, auf echte Menschen zu schießen. Absolut nicht. Nichtmal auf andere Lebewesen. Ich habe mal eine Maus getötet, die von einer Katze halbtot „gespielt“ wurde. Die Bilder habe ich heute noch äußerst unangenehm im Kopf.

    Die Vorstellung, einen echten Menschen zu erschießen oder sonstwie brutal zu verletzen, ist abartig. Genauso wie es abartig und krank ist, sich an blutenden Menschen (auch virtuellen) aufzugeilen. Aber das dürfte wohl nur bei einem winzig kleinen Teil der Spieler zutreffen. Und bei denen muss man sich fragen, ob es da nicht vielleicht ein größeres Problem gibt.

  10. 10 Mark T.

    Nicht abzustreiten ist eine erforderliche Altersbeschränkung.
    Personen über 18 Jahren sollten geistig in der Lage sein Realität und Virtualität zu unterscheiden.

    Falls “Killerspiele” verboten werden sollten, sind wohl bald auch Horrorfilme etc. dran.

    Bei Computerspielen wird immer ein Ziel verfolgt, welches Kenntnisse und Fähigkeiten sowie Geschicklichkeit und Intelligenz erfordert…
    Nicht jeder Blutgeile kann drauf losballern!
    Und für die Realität kann man am PC sowieso nicht üben oder ähnliches…

    Die meisten Politiker haben doch überhaup keine Ahnung davon, aber hauptsache Sie setzen sich für irgendetwas ein.
    :(

Eine Antwort hinterlassen